1. Kultur

Hamburg: Rotzig-frecher Rock angegrauter Rebellen: Extrabreit kann es noch

Hamburg : Rotzig-frecher Rock angegrauter Rebellen: Extrabreit kann es noch

Wenn sich eine Band von einem dicken Filzstift zu ihrem Namen inspirieren lässt, dann kann das eigentlich nicht gut gehen - schon gar nicht, wenn der Name des Sängers auch noch nach Toast mit Ananas und Schinken klingt.

Doch Extrabreit mit Kai Havaii am Mikrofon gehören zu den Ikonen der Neuen Deutschen Welle - und sind ein Vierteljahrhundert nach der NDW-Hysterie immer noch heiß auf Rockmusik. „Wir wollen uns nicht nur von unseren alten Hits ernähren, sondern auch immer wieder was Neues schaffen”, sagt der 51 Jahre alte Frontmann im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Aktuell sind das 16 Songs auf dem Album „Neues von Hiob”, das am 9. Mai erscheint und mit einem Konzert im Hamburger Club Knust gefeiert wird.

Entspannt sitzt der ehemalige Musikrebell in seiner gemütlich- unaufgeräumten Hamburger Altbauwohnung, setzt einen Kaffee auf und betrachtet das Eichhörnchen, das gerade auf dem Balkon Nüsse knackt. „Wir haben hier auch Dompfaffen, Eichelhäher, Buntspechte - eine ruhige Naturidylle mitten in der Stadt”, schwärmt Havaii, an dessen Klingelschild der Name Schlasse steht. Früher - Ende der 70er, Anfang der 80er - hätte dieser Kay Schlasse wohl kaum solche Worte gebraucht: Ruhe, Idylle.

Da waren er und seine „Breiten” die bösen Buben des Deutsch-Punks, die linken Anarchos, die Instrumente ebenso wie Hotelzimmer zertrümmerten und mit subversiven Songs wie „Hurra, hurra, die Schule brennt”, „Polizisten” oder „Annemarie” Jugendliche anstachelten und Eltern verärgerten - und damit fast unfreiwillig zu den Helden der Neuen Deutschen Welle wurden. „Die NDW ist ja nicht unser Geburtsort, wir haben auch nicht immer darin gewohnt. Wir haben schon vorher auf Deutsch gesungen, die Welle dann aber natürlich benutzt und uns daran auch bedient”, sagt Havaii. „Aber wir sehen uns als Rockband - das ist auch heute noch so.”

Dementsprechend rockig ist die neue Scheibe, vom ersten Song an: Der Gitarren dominierte Punkrock mit hämmernden Drums und treibenden Rhythmen geht sofort ins Ohr. Von der ironischen Abrechnung mit dem Deutschen Herbst in „Andreas Baaders Sonnenbrille” über das düstere „König der Angst” bis zu NDW-Nostalgie in „Annemaries Baby” ist das gesamte rotzig-freche Extrabreit-Spektrum vertreten. „Es ist eine Bilanz - aber ich hoffe eine Zwischenbilanz”, sagt Havaii.

Sicherlich ist das Ganze auch etwas selbstironischer als in den Rebellenjahren - aber: „Wenn ich mir "Polizisten" anschaue, dann ist das ja auch nicht platt propagandistisch, sondern ein differenziertes Porträt der Polizei.” Sicher sei der kritische Song mit Zeilen wie „Polizisten werden jeden Tag und jeden Monat immer mehr” damals eine Reaktion auf die „massive Aufrüstung - technisch und personell - des Polizeiapparates” im Zuge des RAF-Terrorismus gewesen, sagt Havaii. „Aber einige Zeilen passen heute auch noch sehr gut, und fast besser als damals: "Polizisten speichern was sie wissen elektronisch ein", das ist ja hochaktuell, wenn ich an die Online-Überwachung denke. Da hat die Zeit das Lied fast eingeholt.”

Zur Polizei habe er heute kein besonderes Verhältnis mehr - das war mal anders: 1991 wurde Havaii an der niederländischen Grenze mit Drogen erwischt, musste kurz ins Gefängnis und verlor seinen Führerschein. „Ich habe bis heute kein Auto, weil ich keine Pappe mehr habe. Wollte den Schein immer mal nachmachen, habe das aber immer wieder vor mir hergeschoben.”

Von Reue will der 51-Jährige mit den kurzen, strohblond gefärbten Haaren und dem Gesicht, dem man das Rockerleben ansieht, aber nichts wissen. Auch wenn dem steilen Aufstieg zur erfolgreichsten deutschen Band des Jahres 1982 bald der Abstieg in die Heroinabhängigkeit samt Entzug folgte, und erst das Hildegard-Knef-Duett „Für mich solls rote Rosen regnen” ein Comeback ermöglichte. „So wie ich es angegangen bin, hätte es gar nicht anders gehen können. Am Anfang war es super, dann brach es abrupt ab. Dann hat man sich mit Drogen abgegeben und es gab sehr düstere Zeiten für mich. Aber ich habe viele Dinge erlebt, die mir etwas gegeben haben: Ruhe und Entspannung.” Wohl frei nach der Extrabreit-Hymne: „Flieger, grüß mir die Sonne”.