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London: Rotarmisten verbrannten das Weltwunder

London : Rotarmisten verbrannten das Weltwunder

Eine Tragödie und ein Skandal: Dass das Bernsteinzimer von der Roten Armee zerstört wurde, soll Moskau schon seit 1945 gewusst haben.

Seit sechzig Jahren rätselt die Welt: Wo steckt das Bernsteinzimmer? Das Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. an den russischen Zaren Peter den Großen wurde wegen seiner Pracht und seines immensen Wertes als das „Achte Weltwunder” bestaunt.

Von der deutschen Wehrmacht 1941 aus Leningrad nach Königsberg verschleppt, verliert sich seine Spur im Chaos des Kriegsendes. Seitdem bemühten sich Schatzsucher, Glücksritter, Journalisten und Wissenschaftler den Verbleib des Bernsteinzimmers zu ermitteln.

Heute kommt in Großbritannien ein Buch in die Läden, das dem Mythos ein Ende setzt. Die Journalisten Adrian Levy und Catherine Scott-Clark behaupten darin, dass das Bernsteinzimmer schon lange nicht mehr existiert. Verbrannt soll es sein, und, das ist das Pikante: Auf dem Gewissen hätten es marodierende Rotarmisten.

Im April 1945 sollen sowjetische Truppen ein Feuer im Königsberger Schloss entfesselt haben, dem einer der wervollsten nationalen Kunstschätze zum Opfer fiel. „Es ist ein wenig”, meint Adrian Levy, „wie den Weihnachtsmann umgebracht zu haben. Aber die Wahrheit war uns wichtiger als alle Romantik.”

Drei Jahre lang hat der international ausgezeichnete Enthüllungsjournalist mit seiner Kollegin in Russland und Osteuropa recherchiert, in KGB- und Stasi-Archiven gewühlt und mit Zeitzeugen gesprochen.

Das Ergebnis ihrer Nachforschungen ist ebenso ernüchternd wie skandalös. Die sowjetischen Behörden wussten schon kurz nach Kriegsende, dass das Bernsteinzimmer zerstört war, aber hielten aus politischen Gründen an der Behauptung fest, dass die Nazis es gestohlen hätten.

Was einst ein glänzendes Unterpfand für die deutsch-russische Freundschaft gewesen war, wurde in der sowjetischen Propaganda zum Symbol für die barbarische Behandlung des Mutterlands durch die Faschisten. Das KGB gab die offizielle Linie vor, dass das Bernsteinzimmer im Frühjahr 1945 von den Nazis aus Königsberg an einen unbekannten Ort verbracht wurde.

So wurde dessen Verlust zum zentralen Argument der sowjetischen und später russischen Regierung, auch ihre eigene Beutekunst wie die Sammlungen der Bremer Kunsthalle oder das Schliemann-Gold nicht wieder an Deutschland zurück zu geben.

Levy und Scott-Clark stützen ihre These auf bisher unveröffentlichtes Archivmaterial. Sie fanden den Untersuchungsbericht von Professor Alexander Brusow, der gleich nach Kriegsende beauftragt wurde, das Schicksal des Bernsteinzimmers zu ermitteln. Brusov verhörte unter anderem einen deutschen Augenzeugen, Paul Feyerabend, der das Restaurant „Blutgericht” im Königsberger Schloss leitete.

Nach dessen Angaben wurde das zerlegte und in Holzkisten aufbewahrte Bernsteinzimmer im Rittersaal des Schlosses gelagert und war unbeschädigt, als die Rote Armee am 9. April 1945 die Residenz einnahmen. Kurz danach brach ein Feuer im Rittersal aus, das sämtliche dort gelagerte Kunstwerke vernichtete. „Wenn man alle Fakten zusammenfasst”, schrieb Brusow, „können wir sagen, dass das Bernsteinzimmer zwischen dem 9. und 11. April 1945 zerstört wurde.”

Sein Bericht gefiel den sowjetischen Behörden nicht. Man beauftragte ein Jahr später den Kurator Anatoli Kutschumow mit einer weiteren Untersuchung. Kutschumow kam wunschgemäß zu einem völlig anderen Ergebnis: Er entschied, dass das Bernsteinzimmer im Frühjahr 1945 Königsberg verlassen habe und immer noch existieren müsse. Levy und Scott-Clark können jedoch minutiös nachweisen, dass Kutschumow Beweismaterial - wie etwa sein eigenes Interview mit Feyerabend oder Funde im Rittersaal - unterschlägt.

Er verschwieg, dass sowjetische Soldaten für die Vernichtung verantwortlich sind und tat sein Möglichstes, Brusow zu diskreditieren. Kutschumows Motiv: Er war verantwortlich, dass das Bernsteinzimmer bei der Einnahme Leningrads 1941 in die Hände der Wehrmacht fiel und wollte sich Moskau andienen als ein Jäger des verlorenen Schatzes. Mit Erfolg.

Kutschumows brachte es bis zum Lenin-Orden in seiner Kampagne, das verschollene Bernsteinzimmer zu finden. Bis heute pocht der Kreml darauf, dass der Diebstahl des Bernsteinzimmers aufgerechnet werden muss gegen die Restitutionsansprüche der deutschen Regierung.

Kein Wunder also, dass das Buch der britischen Forscher heftige Reaktionen aus Russland provozierte. „Das ist die gefährlichste Erklärung, die auf die Revision der Geschichte und die Diskreditierung der Rolle Russlands und der Roten Armee im Sieg im Zweiten Weltkrieg gerichtet ist”, protestierte Michael Schwydkoi, der Leiter der Föderalen Agentur für Kultur.