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Lüttich: Rossinis „Der Barbier von Sevilla” in der Lütticher Oper

Lüttich : Rossinis „Der Barbier von Sevilla” in der Lütticher Oper

„Der Barbier von Sevilla” in der Lütticher Oper: Alles ist auf das Liebevollste ausgestattet. Efeu kriecht die Hauswände empor, und an den schmiedeeisernen Gittern der Balkone blühen in Tontöpfen die Geranien.

Pittoreskes Volk mit Bolerojacken, Rüschenhemden und bunten Bauchbinden (Kostüme: Fernand Ruiz) löscht mit langstieligen Eteignoirs das Kerzenlicht der Straßenlaternen, als wäre eine Illustration aus einem Spanien-Reiseführer um 1800 zu Leben erwacht.

Nachdem Michele Mariotti die Ouvertüre mit geradezu kammermusikalischer Finesse zu Ende dirigiert hat, bricht auf der Bühne (Jean-Guy Lecat) der Tag an.

Der Sternenhimmel weicht einer romantischen Stadtansicht. Im warmen Sommerlicht ist der „Torre del Oro” zu erkennen: eines der Wahrzeichen von Sevilla. Schön, gleich zweifelsfrei zu wissen, wo man ist.

Wem modernes Regietheater Bauchschmerzen bereitet, der kann sich in der Lütticher Aufführung entspannt zurücklehnen. Aktualisierungen kommen hier nur am Rande vor, als augenzwinkernde Gags.

So fragt beim ersten Treffen Graf Almaviva die von ihrem Vormund eingesperrte Rosina nach der Handynummer, und Rasierschaumschläger Figaro fliegt - nachdem er zuguterletzt das Liebespaar glücklich zusammengeführt hat - im Supermann-Dress durch den Bühnenhimmel. Das aber war es mit den Modernismen.

Stefano Mazzonis di Pralafera inszeniert Rossinis „Opera buffa” als unbeschwerten Spaß aus der guten alten Zeit. Keine übergeordneten Konzepte, kein Gegen-den-Strich-Bürsten, keine verborgenen Abgründe. Der „Barbier” tänzelt in Lüttich Note für Note auf dem altbekannten Boulevard der Heiterkeit.

Und vorneweg tanzt Juan Francisco Gatell. Als Graf Almaviva demonstriert er kultivierten Belcanto-Gesang in Perfektion.

Mit federnder Leichtigkeit wirbelt er durch die Koloraturen (und über das Treppengeländer), lässt die Musik wie Champagner perlen und streut ganz nebenbei Rossinis Zungenbrech-Parlandos als kleine Akrobatikeinlage ein.

Etwas derber kommt da schon Mario Cassi zur Sache. Sein Figaro mit Ohrring und Goldkettchen auf der behaarten Brust springt wie ein Schachtelteufel aus einer fahrbaren Frisiersalon-Kiste.

Cassi singt wortpointiert und gestisch orientiert, was - bis auf die stark gestemmten Spitzentöne - zum Glück kaum auf Kosten der Gesangslinie geht.

Abgeklärt, fast schon provokativ gelassen wickelt dagegen Marianna Pizzolato ihre mit Schwierigkeiten nur so gespickte Partie ab. Rosina ist bei ihr nicht das Girlie, dem beim Gedanken an Almaviva gleich das Herz aus dem tief ausgeschnittenen Dekolleté des Rüschenkleides hüpft, sondern eine abgeklärte Frau, die weiß, wie Männer ticken.

Alberto Rinaldis Karriere begann in den 60er Jahren und führte ihn an die bedeutendsten Opernhäuser. Was seiner Stimme inzwischen an Brillanz fehlt, ersetzt er durch sängerische Erfahrung und darstellerische Energie.

Und sein zum Superdickerchen ausgestopfter und mit allen Buffo-Wassern gewaschener Dr. Bartolo kommt auch im halsbrecherischen Tempo immer noch unfallfrei durch die ausgiebigen Schnellsprech-Passagen.

Musikalisch bietet der „Barbier” also eine erstklassige Leistung. Und inszenatorisch ist die Erfahrung eines in Deutschland leicht belächelten Opernverständnisses, das das Agieren der Sänger nicht konzeptionell, sondern aus dem unmittelbaren Impuls der Musik entwickelt, auch einen Besuch wert. Bei der Premiere gab es im vollbesetzten Lütticher Opernhaus stürmischen Applaus.