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Aachen: Romeo und Julia auf dem Lotterbett

Aachen : Romeo und Julia auf dem Lotterbett

Nach dem köstlich-belgischen „Bistro Martino” in den Kammerspielen nun ein inspirierender Theatergruß von unseren holländischen Nachbarn.

Das Zwei-Personen-Stück „Auf in die Liebe” des Niederländers Ko van den Bosch, wiederum in deutschsprachiger Erstaufführung, begeisterte das Publikum im „Mörgens” des Theaters Aachen.

Bereits das ebenso schlichte wie einfallsreiche Bühnenbild von Birgit Stoessel entzündet die Phantasie - inmitten eines Teppichs aus unzähligen Rosenblättern und einer Liege entwickelt sich in knappen 75 Minuten eine hochexplosive Liebesgeschichte ohne Happyend, aber mit exzellenten Dialogen.

Auf einer Single-Party haben sie sich getroffen; „Romeo” und „Julia” sind zwar nicht mehr blutjung, aber auch sie meinen, das Schicksal selbst habe sie zusammengeführt. Doch trotz der witzigen T-Shirts mit den Namen der unsterblichen Liebenden von Verona hat die „gefährliche Liebschaft” einen kleinen Schönheitsfehler: Beide sind seit langem an andere Partner gebunden.

Zehn Jahre zu spät kommt diese neue Liebe, die wie im Lied ein neues Leben verspricht und so unhaltbar wie intensiv ist. Autor wie Regisseur laden dieses Spannungsfeld mit lebendigen Dialogen und sprühenden Einfällen immer wieder auf.

Ein echter Glücksfall sind die beiden Schauspieler: Wenn Christian Schulz, der seine hervorragende Spielkunst in Aachen nicht mehr unter Beweis stellen muss, kindlich brummelnd seine „Julia” entzückt, um sie im nächsten Moment in wilder Glut aufs „Lotterbett” zu zerren, vergisst man gern, dass das Ganze ja „nur” eine Vorstellung ist und die Rosenblätter aus Papier sind.

Bezaubernd frisch und natürlich zeigt sich die junge Hanna Jürgens, die kurzfristig für die erkrankte Bettina Ernst einsprang. Beide geben van den Boschs Dialogen, die so reizend alltäglich wie hochpoetisch und klug sind, eine Lebensfülle, die wahrhaft „berührend” ist. Temporeich und keine Minute langweilig ist die stilsichere Inszenierung des erst 28-jährigen Gast-Regisseurs Philip Stemann.

Wie im Zeitraffer erprobt das Paar erdachte Erinnerungen, „Tod in Verona” sowie beglückende und krisenhafte Momente, bis jäh ein Handy im Publikum klingelt. Die Szene kippt total, die Schauspieler scheinen buchstäblich aus der Rolle zu fallen.

Bestürzend echt wirkt dieser kühne „Bruch”, der mit „Theater im Theater” die Kluft zwischen Schein und Sein neu eröffnet. Und wieder erhält das Frau-Mann-Rollenspiel eine ganz andere Dimension.

Vom Feinsten sind die Musikeinspielungen - von Sinatra bis zur unvergessenen „Alexandra” geht jene sinnverwirrende Betörung aus, die auch dieses Stück ausmacht. Begeisterter Riesenapplaus für Darsteller wie Inszenierung und nicht zuletzt für den ebenfalls anwesenden Autor, einen der bedeutendsten jüngeren Theatermacher der Niederlande.