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Aachen/Eschweiler: Roland Mertens: Eine Welt der Wunder im Verborgenen

Aachen/Eschweiler : Roland Mertens: Eine Welt der Wunder im Verborgenen

Die Bilder scheinen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert zu stammen, aus der Blütezeit des italienischen Barocks. Landschaftsdarstellungen, italienische Veduten: Sie erinnern nicht nur an Corot — sie könnten auch von ihm selbst sein mit ihrer gedämpften Farbigkeit, dem stimmungsvollen Ausdruck.

Ansichten von Orvieto, Bergamo, Papigno, Scanzano — entstanden 2011 und 2012. Und dann die unglaublichen Stillleben, von Figino bis Steenwijck oder den Niederländern des Goldenen Zeitalters sind alle möglichen Varianten vorhanden — gemalt 2013. Hallo? Hat hier ein Barock-, ein venezianischer Rokoko-Maler, ein Jan van Goyen und ein Frühimpressionist wie Corot in einer Person alle Zeiten überdauert, in Stil und meisterlicher Kunstfertigkeit? Es sieht so aus: Roland Mertens heißt der Künstler, lebt in Aachen und beherrscht die handwerklichen Spielarten der alten Meister wie kaum ein Zweiter. Endlich ist eine Retrospektive von ihm zu sehen: im Eschweiler Kunstverein im Talbahnhof.

 Sohn und Vater: „Futura“ und „Pandora“.
Sohn und Vater: „Futura“ und „Pandora“. Foto: Krentz Photography

Er meidet die große Bühne

 Sohn und Vater: „Futura“ und „Pandora“.
Sohn und Vater: „Futura“ und „Pandora“. Foto: Krentz Photography

Der Ort spricht Bände: Mertens meidet die große Bühne, dabei hätte er sie verdient. Seine Sammler aber haben seine Individualität und den ästhetischen Wert seiner Bilder erkannt, sie kaufen sie ihm von der Staffelei weg ab. Auch wenn die Werke im Stil der Alten gemalt sind, sind sie doch immer pure, unverwechselbare Mertens.

Der Mann vereint erstaunliche Widersprüche in sich: geboren 1952 in Stolberg-Mausbach, studierte er bereits als 17-Jähriger an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Joseph Beuys. Der war — obwohl ganz anders gepolt — sogleich fasziniert von den zeichnerischen und malerischen Finessen seines Schülers und hat ihn immer wieder bestärkt, den eigenen Weg zu gehen. Übrigens: Rockmusiker war er da auch schon, E-Gitarrist.

Schon früh begeisterte er sich für die Ära des Barock, deren Literatur und Malerei. Mertens stand immer quer zur Zeit — als der Fotorealismus oder die Neuen Wilden mit immer größeren Formaten auftrumpften, da wurden seine Bilder eher kleiner. „Maltechnisch wollte ich alle Register ziehen“, sagt er. Schon als Jugendlicher zeichnete er Tiepolo ab. Als er zum ersten Mal einen Corot im Original sah, ein Werk jenes bedeutenden französischen Landschaftsmalers aus dem 19. Jahrhundert, da war bei ihm der Ehrgeiz geweckt: „Das wollte ich auch können, und ich habe es versucht.“

Doch Mertens, der im Übrigen auch als Aktionskünstler ganz im Sinne Beuys hervorgetreten ist und zum Beispiel vor einer Bank in Aachen von Passanten Geldscheine verbrennen ließ, wäre nicht Mertens, wenn er seinen Werken nicht den ganz individuellen Stempel aufdrücken würde. Mehr als das: Er interpretiert allegorische Figuren, Landschaften, Stillleben und Genreszenen aus dem reichlich aufgeblätterten Gedächtnis der Kunstgeschichte ganz neu und vor dem Hintergrund und dem Wissen unserer Zeit. So gehen Vergangenheit und Gegenwart, Mythologie und Geschichte eine geheimnisvolle und rätselhafte Verbindung ein.

Mit barocker Opulenz

„Ich bin eigentlich gar kein Maler“, sagt er mit gehörigem Understatement. „Ich bin eher Geschichtenerzähler.“ Und das mit barocker Opulenz. Die Hintergründigkeit offenbart sich erst nach langem Hinsehen. So malt er Judith (1991), wie sie soeben dem Holofernes den Kopf abgeschnitten hat. Das Schwert hält sie noch in der Hand. Der Blick verrät keineswegs die unbarmherzige Entschlossenheit, in die Szene „mischt sich jetzt Reflexion; die Erregung klingt ab und mündet in einen Zustand der Ruhe, in dem sie zurück zu sich und ihrer Situation findet“, schreibt die Aachener Kunsthistorikerin Ana Sous in der zur Ausstellung erschienenen Monographie über Robert Mertens.

Seine Gestalten versteht er als Allegorien, so wie das Porträt einer vermeintlichen Heiligen, Santa Helica, die erfundene Schutzpatronin der Propellerflugzeuge — ohne Witz sind die Altmeistergemälde Mertens‘ nämlich auch nicht. Eine Heilige, die ein zerbrochenes Relikt eines Propellers wie ein Kreuz über der Schulter und auf dem Kopf eine Fliegermütze trägt? Die Geschichte dazu darf man sich selbst ausdenken — auch hier jedenfalls spricht der Blick dieser Frauengestalt von fragender Haltung ebenso wie von einem Zustand zwischen provokanter Selbstgewissheit und Unsicherheit. Mertens spricht von Bühnen, die er gestaltet, rätselhaften Szenarien, in denen die Gegenstände ihr Geheimnis für sich behalten.

Das künstlerische Handwerk lernte er in den siebziger Jahren ganz gezielt — nicht in der Akademie, was vermutlich sowieso hoffnungslos gewesen wäre, sondern bei einem Restaurator in Innsbruck, was ihm ein zweites berufliches Standbein bescherte, das ihm half, die junge Familie zu ernähren. „Da habe ich an den Bildern rumgekratzt und studiert, wie alles gemacht war, wie die Bilder in Schichten aufgebaut waren“, erzählt er in einem munteren, bisweilen derben Erzählstil. Man merkt sogleich: Roland Mertens ist kein Kind von Traurigkeit und immer ganz bodenständig geblieben. Das entspricht seinem Charakter und seiner Überzeugung — womit auch die Frage beantwortet ist, warum er so selten ausstellt: „Ich präsentiere mich nicht gerne. Ich will lieber meine Ruhe haben.“

Und so schafft er fast ganz im Verborgenen eine Welt der Wunder. Die besondere Spezialität: dreidimensionale „Wunderkästen“, angelehnt an die Attraktionen von mittelalterlichen Jahrmärkten und Gebilden, mit denen Gaukler und umherziehende Zahnärzte für sich warben. Bei Mertens sind das kleine Bühnen, hinter deren rätselhafter Szenerie sich Aussagen über unsere heutige Welt verbergen. Ein kleines Kind treibt da auf einem Weidenkorb auf ruhigem, fast spiegelglattem Gewässer, während dahinter die wilden Wellen nur so toben. Ein Affe sitzt auf dem hinteren Ende des verletzlichen Schiffchens. Das tosende Mittelmeer, das die Welten und die Menschen trennt — von all dem weiß das schlafende Kind noch nichts, während der Affe als Sinnbild für das bedrohliche Monster bereits auf seine Gelegenheit wartet — oder doch nur darüber wacht? Mertens‘ Geschichten sind offen und hintergründig zugleich, wenn er in altmeisterlicher Manier zwei Gestalten abbildet, einen jungen und einen alten Mann. Beide haben ein Paket erhalten: der junge eines mit der Aufschrift „Futura“, der alte mit dem Schriftzug „Pandora“, Hoffnung. Der eine ist Mertens‘ zwölfjähriger Sohn, der andere er selbst. Und wer richtig staunen will in dieser Wunderwelt, der sollte sich in aller Ruhe seine grandiosen Stillleben zu Gemüte führen. In einem einzigen kugeligen Glas voll Wasser spiegelt sich hier die gesamte Welt mitsamt dem Maler.

Für viele dürfte diese Ausstellung eine echte Entdeckung sein. „Ich mach‘ das eigentlich nur für meine Kinder“, sagt Mertens. Bei der Finissage will er jedenfalls zur E-Gitarre greifen, um das Ereignis angemessen zu beenden. Die Schau heißt übrigens „Same same but different“. Wer Mertens‘ Kunst ein wenig verstanden hat, begreift, was das heißen soll.