Region: Roger Hodgson kommt im Rahmen der „Kurpark Classix“ nach Aachen

Region : Roger Hodgson kommt im Rahmen der „Kurpark Classix“ nach Aachen

Einladung zum Tanztee oder Rockkonzert? Während ihrer Blütezeit Ende der 70er Jahre polarisierte die Artrock-Band Supertramp mit ihrem Album „Breakfast In America“ gewaltig. 20 Millionen Käufer der Platte fanden den enthaltenen poporientierten Schwanengesang auf den Progressive Rock himmlisch. Andere kehrten der Band wegen zu viel Westcoast-Geschmeidigkeit den Rücken zu.

Berühmt wurden Supertramp vor allem mit „Dreamer“, „Give A Little Bit“ und „The Logical Song“ — Evergreens, die alle aus der Feder von Roger Hodgson stammen. Zum dritten Mal kommt der Mann mit der unverkennbaren Falsett-Stimme am 4. September im Rahmen der „Kurpark Classix“ nach Aachen. Als Spiegel für Lebensgeschichten, wie er im Interview mit Michael Loesl erzählt.

Mr. Hodgson, nervt es sie manchmal, dass Sie als Musikdauerreisender immer als die aufrichtige Stimme von Supertramp wahrgenommen werden?

Roger Hodgson: Nein, zumal das nur eine vordergründige Wahrnehmung von mir ist. Ich weiß, dass viele Leute, die meine Konzerte wieder und wieder besuchen, noch andere Qualitäten in meiner Musik wahrnehmen. Nehmen Sie nur die kaskadenartig aufsteigende, sich wiederholende Frage „Who I Am“ in „The Logical Song“, die mit einer Trillerpfeife beendet wird.

Das ist musikalischer Humor.

Hodgson: So ist es. Man kann auch mit Humor aufrichtig sein. Viele meiner Songs stellen existenzielle Fragen, manche sind inhaltlich sogar von Trauer durchzogen, die aber von der Musik wieder aufgehoben wird.

Wie wichtig ist Ihnen Humor in der Musik?

Hodgson: Überaus wichtig. Und nicht nur in der Musik. Das Weltgeschehen wird zunehmend ernster, und wenn man über einige Geschehnisse und Menschen nicht herzhaft lachen könnte, wäre man ein ziemlich trauriger Tropf. Leider muss man den derzeitigen amerikanischen Präsidenten ernst nehmen, weil er scheinbar auch über das geistige Potenzial verfügt, das Leben auf diesem Planeten zu vernichten. Aber mehr als eine Witzfigur ist der Mann eigentlich nicht.

Masse und Macht waren für Sie als Bühnenakteur nie Optionen?

Hodgson: Absolut nicht. Ich habe Konzerte und Platten nie gemocht, zu denen mir eine Art Waschzettel gereicht wurde, der mir vorschrieb, was ich beim Zuschauen oder Zuhören fühlen sollte. Erfolgreiche Rock- oder Popmusik ist heute eine Art Regime, in dem Zuhörer nur noch die Finanziers sind. Alles ist so minutiös durchgeplant, dass kein Platz mehr für die Imagination des Einzelnen bleibt.

Die Kunstform Musik hat sich von ihrer ökonomischen Zugkraft in Haft nehmen lassen.

Hodgson: Und die Drahtzieher des Musikgeschäfts lamentieren darüber, dass die Musik nicht mehr die Zugkraft besitzt, die sie zwischen den 60er und den 80er Jahren besaß. Das ist dumm. Ich kann morgens kein Brot in den Toaster legen und mich anschließend darüber wundern, dass es getoastet ist.

Musik ist Freiheit, und diese Freiheit läuft zunehmend Gefahr, von Kontrollmechanismen abgeschafft zu werden.

Hodgson: Es ist bedrückend, keine Frage. Es gab Zeiten, in denen Regierungen Zensur betrieben, indem bestimmte Informationen erst gar nicht über die Äther gingen. Heute hat die Menschheit in unserem Teil der Erde rund um die Uhr Zugang zu beinahe allem. Und trotzdem leben wir in einer überaus stereotypisierten Kultur, in der individualistische Lebens- und Denkweisen als Gefahren wahrgenommen werden.

Dabei kamen Impulse zum Fortschritt immer von Individuen.

Hodgson: Damit haben Sie die Erklärung dafür geliefert, warum sich die Freiheit Musik immer offensichtlicher im Rückschritt befindet. Man greift lieber auf Bewährtes zurück, statt fortschrittlich zu agieren. Oder man lässt sich vom technischen Fortschritt diktieren, was neu zu sein hat.

Betrachten Sie Ihre eigenen Gassenhauer entsprechend auch als obsolet?

Hodgson: Songs, die über Jahrzehnte oder, wie in der Folk-Musik, über Jahrhunderte immer wieder gesungen oder gespielt wurden, sind Teile unserer kollektiven Identität, und sie werden deshalb nie überflüssig. Ich habe meine „Gassenhauer“, wie Sie sie nennen, aber nicht geschrieben, damit sie solche wurden. Ich schrieb sie für mich und bin heilfroh, dass sie auf große Resonanzen stießen. Stabsmäßig durchgeplant waren deren jeweilige Erfolge allerdings überhaupt nicht.

Wann fühlten Sie erstmals den Drang, Songs zu schreiben?

Hodgson: Ich war zwölf Jahre alt, meine Eltern hatten sich getrennt, und ich war allein im Internat mit meiner Gitarre. Etliche Songs, die später Singles wurden, schrieb ich zu dem Zeitpunkt, um meine Gedanken und meine Ängste sortieren zu können. Musik war damals, im strengen englischen Schulsystem, mein Zufluchtsort. In meinen Songs konnte ich mein Herz öffnen, ohne Gefahr zu laufen, dafür bestraft zu werden.

Ist sie auch heute noch ein Zufluchtsort für Sie, wenn sie fünfeinhalb Jahrzehnte später die Bühne betreten?

Hodgson: Ich habe die Popmusik seit den Beatles immer als Stimme der Leute begriffen. Bevor ich heute auf die Bühne gehe, meditiere ich, um meinem Publikum mit möglichst konstruktiver Energie begegnen zu können. Ich fühle mich auf der Bühne wie ein Spiegel, auf den jeder einzelne Zuschauer seine eigene Geschichte projizieren kann. Damit gebe ich dann auch jedem die Freiheit zu sein, wer er ist. Mit allen Irrungen, Wirrungen und Potenzialen, die in allen stecken.

Progressive Rock, zu dem auch Supertramp gezählt wurde, erlebt im Moment mit Protagonisten wie Steven Wilson eine Renaissance. Wie würden Sie Progressive Rock umschreiben?

Hodgson: Ich habe Musik nie in Genres wahrgenommen. Progressiv heißt Fortschrittlich, und die fortschrittlichste Band aller Zeiten sind die Beatles für mich geblieben. Diese vier Männer haben die Welt für immer verändert. Mit Songs, die eigentlich nicht fortschrittlich waren. Aber das Wachstum dieser Band war innerhalb kürzester Zeit ein Beispiel für uns alle, die nach ihnen Musik gemacht haben. Wenn sich ein Künstler die Freiheit nimmt, Grenzen einzureißen und etwas zu wagen, würde ich ihn als fortschrittlich bezeichnen. Und in der Hinsicht waren und sind die Beatles die Größten geblieben.

Sie leben in Nordkalifornien von Wäldern umgeben und könnten sich allein ob Ihrer Songwriting-Tantiemen längst ein ruhiges Leben gönnen. Warum sind sie mit 68 Jahren immer noch bis zu sieben Monate im Jahr auf Tournee?

Hodgson: Der Kommunikation wegen. Wenn man seinem Publikum die Möglichkeit bietet, einem auf Augenhöhe begegnen zu können, entsteht eine wunderbare Form von Einheit, die mir persönlich sehr viel mehr gibt als ein gut gefülltes Konto. Das mag in unserer großen Leistungszeit, die von technokratischem Denken durchzogen ist, fast schon lächerlich klingen, aber ich mag das Potenzial des Zusammenbringens, das Musik schafft.

Sind Sie wirklich so wenig eitel?

Hodgson: Eitelkeiten führten damals bei Supertramp dazu, dass ich aus der Band ausstieg. Ich habe lange an mir gearbeitet, um meine eigenen Eitelkeiten so neutralisieren zu können, dass sie der Musik nicht mehr im Wege stehen mussten. In meiner Band spielen heute lauter Musiker, die ihr jeweiliges Ego gut im Griff haben. Nichts ist alberner als ein Bühnenakteur, der nicht die Musik, sondern sich selbst in den Vordergrund stellt.

Entsprechend halten Sie auch nichts von Publikumsanimation?

Hodgson: Um Himmels willen! Sie meinen das althergebrachte Programm, Leute zum Mitklatschen zu animieren? Damit befände ich mich schon wieder an der Grenze zu Masse und Macht, und das ist nun mal nicht meins. Nennen Sie mich Hippie, Esoteriker, was immer Sie wollen, aber man muss mir zugute halten, dass ich meine Konzerte immer als Einladung betrachtet habe. Niemand wird zu irgendetwas animiert, niemand muss Funktionalität aufweisen. Aber jeder darf sich fallen lassen.

Und was ist das Schönste am Dasein als Troubadour, wenn man nicht auf der Bühne steht?

Hodgson: Schlafen. Sie glauben gar nicht, wie heilsam Schlaf sein kann, wenn man 68 ist und von Stadt zu Stadt, von Land zu Land zieht, um Lieder mit Menschen zu teilen.

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