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Aachen/Frankfurt: Robert Menasse begeistert mit exzellentem Roman über die EU-Bürokratie

Aachen/Frankfurt : Robert Menasse begeistert mit exzellentem Roman über die EU-Bürokratie

Der Mann weiß, wovon und worüber er spricht. Beim Karlspreis-Forum in diesem Jahr in Aachen hatte er durchaus steile Thesen zur Europäischen Union im rhetorischen Koffer und provozierte Widerspruch beim Karlspreisträger Timothy Garton Ash. Solche Debatten in dieser Qualität, die man guten Gewissens Streitkultur nennen darf, braucht die EU. Und sie braucht ein Buch wie „Die Hauptstadt“.

Der Wiener Schriftsteller Robert Menasse, Jahrgang 1954, hat nicht einfach losgelegt mit seiner politischen Einschätzung über den Moloch Brüssel, die Hauptstadt der Bürokratie und das Symbol allen Übels. Er ist sogar für einige Zeit nach Brüssel gezogen, hat recherchiert und genau hingesehen. Das Ergebnis auf den 459 Seiten ist bemerkens- und empfehlenswert. Unbedingt. Warum?

Weil Menasse seine gründliche Recherche unterbrach und seinen Essay „Der europäische Landbote“ in den europäischen Diskurs warf. Darin handelte er wesentliche Sachfragen ab — schon in einem freundlichen Grundton und weitab von den üblichen national geprägten Abgesängen. Er hatte jetzt den Kopf frei für eine überragende literarische Erzählung, für einen Roman, der in seiner zusammenfassenden Botschaft jeden EU-Pessimismus in die Ecke stellt.

Der Schriftsteller zeichnet ein anderes Bild als das vom abgehobenen, weltfremden, pingeligen Beamten. Er hat kluge Persönlichkeiten kennengelernt, als er hinter die Kulissen der Bürokratie und den EU-Kokon kaum wahrgenommener EU-Mitarbeiter schaute. Kompetent und kenntnisreich hat er ein Buch geschrieben, das mit mehreren Perspektiven, mehreren Rollen, mehreren Stimmen geradezu humorvoll und unterhaltsam ist. Er zeichnet ein anderes Bild.

Wie könnte eine Kampagne zum 60-jährigen Bestehen der EU-Kommission aussehen, die es schafft, das miserable Image dieser Institution aufzuhellen? Das ist der Ausgangspunkt dieses Romans. Menasse gelingt es vorzüglich, die Rollen zu besetzen. „Kann man die Beamten typisieren? Sind sie überhaupt literaturtauglich?“, hat sich der Autor gefragt und mit seinem Roman die überzeugende Antwort gegeben: Man kann. Und wie! Die Figuren in und außerhalb der EU fügen sich zu einem Gesamtkunstwerk. Er hat viel Material gesammelt, und in einem der Gespräche hat ihm ein EU-Beamter gesagt: „Brüssel ist Konfetti und wir schauen es an, als wäre es ein Mosaik — und manchmal ist es umgekehrt.“ Dieses frühe Zitat beschreibt den Grundton des Romans sozusagen schon vorab und völlig zutreffend.

Die Klischees sind natürlich da: Die ehrgeizige Karrierefrau Fenia Xenopoulou aus Zypern, die in der unbedeutenden Generaldirektion Kultur den Anschluss nach oben verpasst hat, will mit einem Paukenschlag auf sich aufmerksam machen. Also muss ihr österreichischer Referent Martin Susman, als junger Mann dem elterlichen Bauernhof und der Schweinezucht entronnen, Ideen liefern, wie das Image der Kommission aufpoliert werden soll. Susman denkt an die Gründungsidee, an die Menschenrechte, weniger an die ökonomischen Zwänge, letztlich an die Überwindung des Nationalismus. Er plant mit KZ-Überlebenden die zentrale Feier in Auschwitz.

Warum und wie das natürlich im Laufe der Meetings und Arbeitskreissitzungen scheitern wird, das ist eine lange Geschichte bürokratischer und politischer Ränkespiele, es ist vor allem eine literarische Meisterleistung des Autors — und gewiss auch eine politische.

Robert Menasse gelingt diese Mischung aus tatsachenbetonter Schilderung aufgrund seiner akribischen Recherche und humorvoller, ja teilweise amüsanter literarischer Formulierung exzellent: Das liest man gerne, und das Buch legt man deshalb nur ungern aus der Hand. So schön kann ein Text über die EU sein!

Es sind die Typen, die den Roman spürbar leben lassen: der alte David de Vriend, der den Holocaust überlebt hat und nun im Altenheim auf den Tod wartet; der emeritierte Wirtschaftsprofessor Alois Erhart, der für eine neue europäische Hauptstadt auf dem Gelände von Auschwitz plädiert. Da sind der Schweinezuchtlobbyist, der Auftragsmörder, der philosophierende und alternde Kommissar, die nervige Altenpflegerin, ein Schwein, das durch Brüssel irrt und natürlich die EU-Einzelkämpfer, die in ihren Kollektiven gegen nationale Eitelkeiten arbeiten: eine attraktive Besetzung. Auch die Kulisse rund um das Dansaert-Viertel stimmt — inklusive wertvoller Restaurant-Tipps.

Robert Menasse hat am Montagabend mit „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis gewonnen.