Mönchengladbach: Revue „Wir sind Borussia“: Das Parkett wird zur Nordkurve

Mönchengladbach: Revue „Wir sind Borussia“: Das Parkett wird zur Nordkurve

Aus dem tosenden Schlussapplaus dieses denkwürdigen Premierenabends im Theater Mönchengladbach bricht unvermittelt jener Gesang heraus: Das „So ein Tag, so wunderschön wie heute“, mit dem Menschenmassen ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, wenn sie von anderen (oder auch von sich selbst) begeistert wurden. Hier und jetzt ist es die Revue „Wir sind Borussia“, die das Publikum euphorisiert.

Ein maßgeschneidertes Unterhaltungsmachwerk aus der Feder von Martin Maier-Bode und Tobias Wessler, mit dem das von Intendant Michael Grosse geleitete Haus die neue Spielzeit eröffnet. Das Theater wird zum Tollhaus, der Zuschauerraum zur Nordkurve, die Bühne zum Ort für Quatsch, Comedy und Fankultur.

Ein Gutteil der Zuschauer sitzt schon im vollen Fan-Ornat auf den Klappsesseln, als Borussias Stadionsprecher über die große Video-Leinwand in guter, alter Kasperltheater-Manier sein „Seid ihr bereit?“ ins Publikum brüllt und damit das vielkehlige „Jaaa!“ provoziert. Alsdann stimmt die in Shorts und Stutzen aufgelaufene Live-Band von Willi Haselbek die Borussia-Hymne an, schwarzgrüne Schals kreisen über Zuschauerköpfen, auf der Bühne Fahnenschwingen, kurzberockte Tänzerinnen im Hüpfmodus, Klatschmarsch.

Regisseur Martin Maier-Bode hat den musikaffinen Teil des Schauspielensembles aufgeboten, um sein gefällig rhythmisiertes Stück über den Mythos der Gladbacher Fohlenelf zu erzählen. Seine Zutaten sind: Fan-Devotionalien in Bild, Ton und appetitlicher Live-Animation; das legendäre Moderatoren-Duo Delling/Netzer; eine Geschichte um die Hassliebe der Gladbacher und Kölner Fußballanhänger, die in einer Gladbacher Fankneipe spielt. In deren schlichtem Verlauf spielt das Wappentier des FC, der Geißbock Hennes, eine ebenso bedeutende Rolle wie ein Romeo-und-Julia-Pärchen, das hier Thomas (soft: Philipp Sommer) und Lena (frech: Anna Pircher) heißt und Väter aus verfeindeten Ultra-Lagern hat.

Kicker in der Eckkneipe

Es wird viel umgebaut auf der Bühne von Udo Hesse, damit Theke, Stühle und Kicker der handlungstragenden Eckkneipe nicht dauernd den Tänzerinnen im Weg stehen. Am Zapfhahn regiert Esther Keil als nikotinsüchtige Hausherrin, die den Plan der Gladbacher Fantruppe, vor dem Derby gegen den FC den „Hennes“ aus dem Garten von Köln-Fan Horst (Adrian Linke) zu entführen, nicht mitkriegt. Dafür moderiert sie am Ende des fast dreistündigen Abends das Happy End, bei dem sich nicht nur die Liebenden, sondern auch die verfeindeten Edelfans in den Armen liegen.

Wirklich witzig sind eigentlich nur Netzer und Delling, die von Bruno Winzen (Netzer) und Christopher Wintgens (Delling) so genau beobachtet und pointenreich betextet gespielt werden, dass man sich nicht nur an Netzers Mähne, sondern auch an den diversen Running Gags herzlich erfreuen kann. Von wechselnder, aber durchweg hoher Qualität sind dabei die Gesangseinlagen der beteiligten Akteure, die bis zu Simon & Garfunkels „Bridge Over Troubled Water“ so ziemlich alles abgrasen, was Stimmung macht.

Da treten Rainer Bonhof, Berti Vogts, Jupp Heynckes und der unvermeidliche Lothar Matthäus als Karikaturen auch gesangssolistisch auf. Lustig wird’s aber nur einmal, als die drei weiblichen Protagonisten eine Soft-Version des Schmähgesangs „Scheiße vom Dom“ dreistimmig anstimmen und so irgendwie sich und diesen ganzen Abend auf die Schippe nehmen.

Denn was das alles — bei aller Liebe zu Mönchengladbach und seinem Fußballverein — in einem hoch subventionierten Theater zu suchen hat, bleibt rätselhaft.

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