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Aachen: Revue „Airport“ im Das Da Theater: Mehr als 100 Kostüme

Aachen : Revue „Airport“ im Das Da Theater: Mehr als 100 Kostüme

Big Show im Aachener Das Da Theater — unfassbar big, was die kleine Bühne mit ihrer musikalischen Revue „Airport“ auf die Beine gestellt hat: eine Kostümschlacht ohnegleichen, phänomenale Choreographien für ein bezauberndes Tanz-Ensemble, kernige Sängerinnen und Sänger mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit, vor Spielfreude nur so sprühende Darsteller und eine Band, die einfach alles draufhat — vom Swing, Schlager und Country-Song bis hin zum hämmernden Rock ‘n‘ Roll.

Nach zwei Stunden (inklusive 20 Minuten Pause) ist das Premierenpublikum am Donnerstagabend aus dem Häuschen und steigert den Applaus bis zu Standing Ovations.

Entertainment-Konzerne investieren in solche Projekte Hunderttausende Euro — Das Da zeigt nach einer Idee von Maren Dupont und Tom Hirtz, wie es auch anders geht. Und das liebevoll gestaltet bis in kleinste Details des ausgefeilten Bühnenbildes (Frank Rommerskirchen). Allein das Fabrizieren der Videoeinspielung einer Abflugstermin-Anzeigetafel (Achim Bieler), die buchstäblich „mitlebt“ und mitunter elektronisch Tränen vergießt, muss eine Heidenarbeit gewesen sein.

Boardingroom und Check-in-Schalter — alles da und vom Feinsten, denn hier befinden wir uns: im Herzen eines Airports, Abflugterminal für die beziehungsreich benannte Fluggesellschaft DDT Air. Hier trifft sich die Welt — besser: die Menschheit in ihren persönlichsten Ausprägungen, beseelt von Sehnsüchten, Fern- und Heimweh, Liebesschmerz und Liebesglück, gelegentlich auch von Bier und Schnaps. Was folgt, ist eine Revue, die keine Worte braucht: ein singendes und tanzendes Panoptikum skurriler Typen im beständigen Wechsel eintrudelnder Passagiere, immer den gerade passenden Song in der Kehle. Stets mit einem Augenzwinkern amüsant karikiert und von Regisseurin Maren Dupont sekundengenau in Abstimmung mit Tanz, Gesang und Musik auf die Bretter geschickt.

Wie weiland Frankieboy schmachtet Wolfgang Kramer das unsterbliche „New York, New York“ knallhart am Original entlang — vier Showgirls schneien herein und geben gleich zu Anfang einen aufregenden Eindruck davon, was der Abend allein garderobenmäßig noch bringen wird: über 100 verschiedene, aufwendige Kostüme (Nadine Dupont und Frank Rommerskirchen)! Und die wollen erst mal in Sekundenschnelle gewechselt werden — da kann man sich lebhaft ausmalen, was sich hinter den Kulissen so abspielt.

Mit Rastalocken und im Hippielook kehrt die Gruppe vom Selbstfindungstrip aus Indien zurück, so etwas wie Krishna-Folk auf den Lippen. „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort“ — Hannes Wader lässt grüßen, wenn Touristen wieder mal flügge werden, oder John Denver, wenn sie sich umgekehrt wieder nach dem Zuhause sehnen.

Den knallharten Rock-Fans kocht dagegen noch das Blut, wenn sie nach einem Londoner Konzerterlebnis mit einem lauthals geschmetterten „I Love Rock ‘n‘ Roll“ der legendären Arrows den Heimflug antreten.

Blauweiß karierte Ausflügler kehren dagegen nach einer Expedition in bajuwarische Niederungen noch hochgestimmt mit einem „Oans, zwoa, g‘suffa“ zurück. Das musikalische Spektrum ist so grenzenlos wie das der Reisenden. Den roten Schal wehmütig schwenkend, schleichen die Liverpool-Fans nach der Niederlage in den Boardingroom, das unvermeidliche „You Never Walk Alone“ anstimmend.

Wolfgang Kramer und Terja Diava vom Gesangsensemble (Einstudierung Tanja Raich) legen im Liebesduett einen munteren Step aufs Parkett. Die Kontraste sind so markerschütternd wie überraschend: Der Kanon „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ von reisenden Nonnen fährt in die Glieder, bevor sich irgendwann neonfarbene Girlies auf dem Weg nach Mallorca mit einem Ballermann-Hit einstimmen. Das alles keineswegs nur als musikalische Nummernfolge heruntergenudelt, sondern theatermäßig gespielt und in Szene gesetzt.

Die vier Tänzerinnen Yvonne Grünberg, Keara Lindert-Knöppel, Teresa Schwamborn und Stephanie Sellin-Springer, immer wieder anders kostümiert, beherrschen an diesem Abend ein Riesenrepertoire, das Heike Sievert choreographisch effektvoll entworfen hat. Kerstin Breuer, Terja Diava, Lina Kmiecik, Wolfgang Kramer und Tobias Steffen, der gegen Ende Michael Jacksons „Thriller“ als Zombie umwerfend auf die Bühne bringt, singen so großartig wie sie spielen. Der Chor mit Birgit Fenneker, Ricarda Leuchter, Klaus Offergeld und Simon Sittig ist weit mehr als das — eine Crew bestens aufgelegter Darsteller, bei denen man das Gefühl hat: Hier können sie sich einmal so richtig auf der Bühne austoben.

Nicht zu vergessen die Band (auf der Bühne) mit Andy Janssen, Tom Schreyer, Stephan von Zedlitz und dem musikalischen Leiter Christoph Eisenburger, der 28 Titel passend umgeschrieben hat. Alles in allem: eine sagenhafte Leistung!