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Aachen: Revolution mit Minirock und Oswald Kolle

Aachen : Revolution mit Minirock und Oswald Kolle

Herr Bunte hat alles fest im Griff - die Familie mit Ehefrau und Tochter, die Möbelfabrik, die an den neuen Papp-Produkten ein Vermögen verdient, die Mitarbeiter von der Sekretärin bis zum Designer. Satt und zufrieden erwischen ihn die Strömungen der Zeit eiskalt, und plötzlich ist nichts mehr, wie es war.

Seine Welt bricht auseinander, wie ein nass gewordenes Papp-Möbel... Es sind die 60er-Jahre! Mutti liest Oswald Kolle und reist auf der Lebenssinn-Suche nach Puna, Tochter greift zum kürzesten Minirock, den sie finden kann, und beim „Sit-in” qualmen die Joints: „BuntesRepublik” ist der Titel des neuen Werks aus der Feder des Theatermacher-Teams Ulf Dietrich und Manfred Langner, das am Mittwoch, 10. Dezember, um 20 Uhr im Haus in der Elisen-Galerie seine Uraufführung erlebt. Zuvor gibt es am 9. Dezember für Leserinnen und Leser unserer Zeitung, eine Preview (zum ermäßigten Preis, siehe Hinweis) zu erleben.

Regisseur Dietrich hat zusammen mit dem dynamischen Intendanten des Grenzlandtheaters Aachen schon so manchen „Zeitgeist” auf die Bühne gelockt - ob nun die 50er Jahre mit „Blue Jeans”, die Schlager-Revue aus der UFA-Zeit „Das gibt´s nur einmal oder die heiter-nachdenkliche Auseinandersetzung mit den Wirtschaftswunder-Jahren bei „Willkommen im Paradies”.

Mit „BuntesRepublik” wagt man sich nun an die heißen 68er, in denen die Bundesrepublik (man beachte das Wortspiel) von so manchen Entwicklungen kräftig durchgeschüttelt wurde. „Wir konnten gar nicht alle Aspekte aufgreifen, die es gibt”, erzählt Langner von der Entwicklung einer Geschichte, die in sich auch noch schlüssig bleiben sollte. „Es gibt eine richtige Handlung und eine Entwicklung der Charaktere”, verspricht Dietrich, der wie bei den vorherigen Arbeiten „Vergrabenes heben und bergen” will.

Die Buntes sind eine typische Unternehmerfamilie dieser Epoche - er ein Patriarch, sie verwöhnte Gattin, die Tochter ein braves Kind mit reichlich Taschengeld. Und all das wird sich ändern, denn die rebellischen gesellschaftlichen Entwicklungen rollen mitten durch die muffige Scheinidylle. Mit Songs von den Rolling Stones und Jimi Hendrix bis zu den Schmuseschlagern eines Peter Alexander ist alles dabei und in die Handlung integriert. „Wir gehen dabei bis nah an die Karikatur heran, das verlangt allerdings Fingerspitzengefühl, wir wollen nichts überdrehen”, betont Langner.

In den Vorbereitungen zum Stück ist Ulf Dietrich eins aufgefallen: „Vieles wissen selbst Darsteller nicht mehr, die diese gar nicht so ferne Zeit in jungen Jahren noch miterlebt haben.” Mit Michael Hiller als Heinrich Bunte hat er eine Ausnahmeerscheinung. „Ich komme aus der ehemaligen DDR, das haben sich die 60er Jahre quasi bis zur Mauerfall erhalten”, sagt der Schauspieler schmunzelnd, der schon in „Willkommen im Paradies” in Aachen auf der Bühne stand.

Politische Bewegungen wirken auf die Story ein und spiegeln sich in den Figuren. „Aber wir machen keinen Schulfunk, das wird schon sehr unterhaltend”, verspricht Langner. Und so Erscheinungen wie das Leben in der „Kommune 1” mit gelegentlichen Orgien? „Andeutungen können sehr spannend sein und wecken die Fantasie”, betont der Regisseur.

Was die Zeit stark aufleben lassen wird, ist die Ausstattung. Kos-tümbildnerin Monica Seidl erlebte geradezu einen „Schaffensrausch” bei 90 Kostümen für elf Darstellerinnen und Darsteller. „Es ist fabelhaft, dass wir zurzeit diesen Retro-Look erleben”, schwärmt sie. Ob Muster, Materialien oder Accessoires, alles ist im Moment „in”, was an die 60er erinnert. „Schuhe, besonders die tollen Stiefel, lange Halsketten, sogar Materialien wie die Jersey-Stoffe und holografische Muster waren überhaupt kein Problem.

Wir haben für eine DDR-Delegation, die Buntes Firma besucht, originale LVA-Uniformen gefunden”, verrät die Kostümbildnerin. Für Mode-Fans dieser Zeit hat sie unter anderem Kleider der „Mondrian-Kollektion” (1967) eines Yves Saint Laurent und die extravagante Pop-Art-Linie eines Courrége nachgearbeitet. Selbst Mondlandung und der Sciencefiction-Start von „Raumschiff Orion” haben Spuren hinterlassen.

„Frau Bunte bewegt sich zunächst nur in Chanell-Kostümen, später dann trägt sie einen Hosenanzug à la Hildegard Knef, während die Tochter vom Minikleid zum kämpferischen Kommunardenlook einer Uschi Obermaier wechselt, das signalisiert auch eine Veränderungen der Figuren”, verrät Monika Seidel.

Das Stück, so versprechen es die Macher, steckt voller Überraschungen und optischer Zitate - nicht zuletzt im Hinblick auf die Entwicklung des Fernsehens. Und die Minute, in der am 25. August 1967 um 10.58 Uhr Außenminister und Vizekanzler Willy Brandt bei der Internationalen Funkausstellung in Berlin mit einem symbolischen Knopfdruck das Farbfernsehen in Deutschland startete, ist auch in der Produktion „BuntesRepublik” ein ganz besonderer Überraschungsmoment...

Günstige Preview-Tickets und eine ungewöhnliche Zahl von Kostümen

Preview: Einen Blick auf die für den 10. Dezember vorgesehene Uraufführung von „BuntesRepublik” von Ulf Dietrich und Manfred Langner können Leserinnen und Leser schon bei der Preview am 9. Dember, 20 Uhr, werfen.

Karten zum Sonderpreis von 16,50 Euro auf allen Plätzen im Ticketshop in der Mayerschen Buchhandlung Aachen, Buchkremerstraße, Infos 0241/5101175.

Kostüme: Die gebürtige Amerikanerin Monika Seidl - Foto mit Autoren-Duo Manfred Langner und Ulf Dietrich sowie Stephan Josephs, dem Technischen Leiter - gestaltet für „BuntesRepublik” 90 Kostüme.

Bühne: Für das Bühnenbild sorgt Marc Löhrer, die musikalische Leitung hat Hans Christian Petzoldt, der auch die Arrangements schuf und bei der fünfköpfigen Band mitwirkt. Normale Karten an der Theaterkasse, 0241/4749111.