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Vaals: Requiem in Heerlen als Aufruf zu Toleranz und Respekt

Vaals : Requiem in Heerlen als Aufruf zu Toleranz und Respekt

„Die Nazis haben ihnen erst die Ehre und dann das Leben genommen. Das Leben kann ihnen niemand zurückgeben, aber wir können ihnen die Ehre erweisen.“ Roger Moreno spricht von den Todesopfern in dem deutschen Konzentrationslager Auschwitz; mehr als eine Million waren es allein in diesem Vernichtungslager.

Vor 20 Jahren war Moreno zum ersten Mal in Auschwitz. Was er dort sah und empfand, hat ihn tief erschüttert. Er habe damals sofort gespürt, dass er darauf reagieren müsse, sagt Moreno im Gespräch mit unserer Zeitung. Und weil er Musiker ist, reagierte er mit Musik und komponierte das „Requiem für Auschwitz“.

Moreno ist Sinto. Er selbst nennt seine Kompositionen Zigeuner-Musik, was unter den Sinti und Roma häufig auf Kritik stoße. Er bleibt trotzdem dabei; „dann haben die Leute eine Vorstellung“. Der Autodidakt, der bis zu seinem 30. Lebensjahr nicht einmal Noten lesen konnte, macht nicht viel Worte um sein musikalisches Werk; es spricht, es klingt für sich. Dieses Requiem ist sicher viel mehr als das, was unter Zigeunermusik verstanden wird, auch wenn deren Einflüsse nicht zu leugnen sind. „Es ist der Hilfeschrei der Opfer von Auschwitz“, sagt Moreno, aller Opfer: der Juden, der Sinti und Roma und aller anderen. „Sie hatten alle den gleichen Weg — in die Gaskammern.“

Ein Denkmal aus Musik

Moreno hat dem Text der lateinischen Totenmesse seine eigene Note gegeben. Für ihn ist es ein „Denkmal aus Musik und ein lebendiger Beweis für die Kraft der Kultur gegen Diskriminierung und Ausgrenzung“. Johan Schwanen nennt es „ein harmonisches Werk. Es ist Musik voller Leidenschaft.“ Schwanen ist Vorsitzender des Königlichen Männerchors Cecilia in Vaals, der im vorigen Jahr 180 Jahre alt wurde. Als er 2012 im Fernsehen die Uraufführung von Morenos Requiem in Amsterdam sah und hörte, habe er spontan zu seiner Frau gesagt: „Das müssen wir unbedingt singen.“

Sechs Jahre später ist es nun so weit: Am kommenden Freitag wird Schwanens Chor gemeinsam mit der Heerlense Oratoriumvereniging und dem Orchester Ensemble Conservatoire unter der musikalischen Leitung von Emmanuël Pleijers das „Requiem für Auschwitz“ im Parkstad Limburg Theater Heerlen aufführen.

Bislang drei Aufführungen

Morenos Requiem ist in Deutschland bislang dreimal aufgeführt worden: in der Alten Oper in Frankfurt, in der Dresdener Frauenkirche und in der Berliner Philharmonie. Wie bei diesen Vorstellungen werden auch in Heerlen Schülerinnen und Schüler Prosatexte zum Thema vortragen. Der 4. Mai ist in den Niederlanden zudem der Totengedenktag. Schwanen freut sich über das gemeinsame Projekt mit Heerlen und darüber, dass Chöre, Orchester und Dirigent die Aufführung in enger Kooperation mit dem Komponisten erarbeiten können. „Endlich ist das Requiem in Limburg zu hören, dort, wo Roger Moreno zu Hause ist.“ Das Werk habe eine ganz ungewöhnliche Instrumentierung. „Es gibt sehr viele Bläser, es gibt Klänge der Trauer und solche der Hoffnung, der Vergebung und der Verbrüderung.“

Moreno und Schwanen sehen das Requiem auf keinen Fall als Anklage gegen die Deutschen, sondern als Aufschrei gegen Krieg und Gewalt, als Aufruf zu Toleranz und Respekt. „Schuld ist nicht das Thema, sondern Erinnerung und Versöhnung“, sagt Moreno. Ihn beunruhigt das neue Aufkommen von Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus in Europa. Er sieht durchaus Parallelen zur Endphase der Weimarer Republik. „Wir müssen wachsam sein.“ Moreno würde das Requiem auch gerne einmal in Aachen aufführen und sucht einen Chor und ein Orchester für eine solche Zusammenarbeit.