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Aachen: „Rektal Bar” im Darm lädt zum Bier ein

Aachen : „Rektal Bar” im Darm lädt zum Bier ein

Persönliche Freiheit ist ohne Klo nicht denkbar: „Erst wenn man in der Lage ist, den eigenen Dreck zu beseitigen, ist man unabhängig”, sagt der niederländische Künstler Joep van Lieshout und grinst fröhlich, als er den symbolischen Sinn einer WC-bestückten Kammer erklärt, die er „Unabhängigkeitsraum” nennt.

Und weil der Zeitgeist seit langem die Wiederverwertbarkeit von allem Möglichen als ökologisches Ei des Kolumbus propagiert, demonstriert der 45-Jährige mit einem ähnlichen InstallationsRaum, was das in näherer Zukunft für jeden Einzelnen bedeuten könnte: Das Klo ist mit einer Biogasanlage verbunden - und die sachgerechte Benutzung wird von einer Kamera überwacht. Da offenbart doch die Verdauung und der damit verbundene finale Prozess Aufschlussreiches über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zukunft: Das Kontrollwesen greift immer weiter um sich.

Logistische Meisterleistung

Das sind Themenkreise, die der ehemalige Rennfahrer und Gründer der Rotterdamer Künstlergruppe „Atelier Van Lieshout” (1995) mit seinen zum Teil monumentalen Objekten, die in Gemeinschaftsarbeit entstehen, immer wieder gerne aufgreift. Das Aachener Ludwig Forum präsentiert jetzt in einer spektakulären, hallenfüllenden Ausstellung das Gesamtwerk Joep van Lieshouts aus den vergangenen 25 Jahren. Titel: „Das Haus”.

Eine logistische Meisterleistung: Zwölf Tieflader mussten aufgeboten werden, um die riesigen Objekte vom alten Rotterdamer Hafen, wo das Gemeinschaftsatelier als eine Art von Kunstfabrik residiert, nach Aachen zu transportieren. 20 einzelne „Zimmer” bilden jetzt das „Haus”, in dem das menschliche Leben in seinen prägendsten Phänomenen thematisiert wird: Ernährung und Entsorgung, Fortpflanzung und Heilung, Individuum und Gesellschaft, Wohnen, Schlafen, Fortbewegung.

Der Künstler verfügt dabei über viel Sinn für drastischen schwarzen Humor: Das Phänomen der Selbstbehauptung des Einzelnen in der Massengesellschaft begegnet dem Kunstfreund auf dem Hof des Ludwig Forums in Gestalt eines Containers - darin: eine Bombenbauer-Werkstatt.

„Joep van Lieshout schafft ein vielfältiges Alternativuniversum zur Gegenwart”, so umschreibt Forums-Direktor Harald Kunde die rote Linie seines komplexen Schaffens, das irgendwo zwischen Kunst, Architektur und Design angesiedelt ist.

Manche seiner Zukunftsentwürfe wie die mobile Wohnung, die aus einer Art Schrank mit sechs Bett-Schubladen besteht, hat die Gegenwart längst erreicht: In Japan verbringt so mancher Büroangestellter im Schließfach oder Karton seine Nacht, um morgens wieder fröhlich den Büroalltag anzutreten. Und der „Disziplinator”, ein Käfig mit drei Pritschen, Blechtellern-und -näpfen, ist für viele Gegenden der Welt so auch durchaus denkbar. Weniger vielleicht der „Alkoholator”, ein riesiger Tank mit sieben Zugängen für jeweils einen Tag - ein berauschendes Instrument, um die Bevölkerung weiterhin selig und gefügig zu halten.

Organen gilt van Lieshout eine ganz besondere Aufmerksamkeit, für ihn geht allein von ihren Formen und ihrem „Design” eine große Faszination aus - zumal von jenen Organen, die für die Fortpflanzung verantwortlich sind. Polyestermodelle davon bilden in Mulde den Mittelpunkt der Schau - zwei mehrere Meter lange der männlichen Art und ein begehbarer, sehr wohnlicher Uterus, ausgestattet wie eine Wohnung mit Schrank, Klo, -rolle und Mini-Bar. Die Heizung steckt im Eileiter.

Ein prächtig modellierter Polyester-Darm beherrscht vollständig eine Ecke der Halle, gleichfalls begehbar und benannt als „Rektal Bar”. Hier, verspricht Harald Kunde, wird zur Ausstellungseröffnung Bier serviert. Der Künstler indessen findet die „Rektal Bar” bestens geeignet für „Sex und anderen fantasiereichen Zeitvertreib”.

Bis 6. Juli zeigte das Museum Folkwang in Essen das Projekt „Slave City”, eine böse Utopie einer Stadt mit 200.000 Sklaven, die für das Wohl der oberen Zehntausend sorgen und Effizienz, Profit und Rationalität garantieren. In Aachen finden sich unter anderem die Energieversorgung-Maschinen aus „Slave Citiy”.

Die Liste der internationalen Ausstellungen van Lieshouts, angefangen bei Museum of Modern Art in New York, ist unübersehbar. Die Retrospektive in Aachen krönt das alles. Der Künstler ist begeistert vom Ludwig Forum und findet, dass diese Industrie-Architektur zu seinem Werk und seinen Intentionen bestens passt.