„Der Kaufmann von Venedig“: Regisseurin Ewa Teilmans sieht die Problematik gegenwärtig

„Der Kaufmann von Venedig“ : Regisseurin Ewa Teilmans sieht die Problematik gegenwärtig

Dieses Stück hat keinen guten Ruf. Es gilt als extrem antisemitisch und wurde zu Propagandazwecken in Zeiten des Nazi-Terrors missbraucht. Gehört es in den Giftschrank der Bühnenliteratur? „Das dachte ich auch, als mir das Theater William Shakespeares ,Der Kaufmann von Venedig‘ anbot, ich habe abgelehnt“, sagt Regisseurin Ewa Teilmans.

Und dann nahm sie die Herausforderung, der sich bereits Kollegen wie Peter Zadek und George Tabori gestellt haben, doch an. „Das sind schließlich meine großen Vorbilder“, lächelt Ewa Teilmans.

Am kommenden Sonntag, 23. September, 18 Uhr, ist Premiere im Großen Haus. Fest stand für Ewa Teilmans von Anfang an: Das wird kein romantischer Ausflug in die Shakespeare-Zeit mit historischen Kostümen. „Als ich begriffen hatte, wie brisant der Inhalt ist, wusste ich, dass ich den Stoff in die Gegenwart holen, ihn in manchen Passagen neu übersetzen musste“, sagt sie. So stieß sie immer wieder auf den Begriff „der Jud“, wo man das englische Wort aus Shakespeares Handschrift mit „der Fremde“ hätte übersetzen sollen.

„In einer Zeit, in der die Grundlagen des Ethischen weltweit zerstört oder zumindest gefährdet sind, wird das Stück aktuell“, betont Ewa Teilmans, die — im Idealfall — mit ihrer Regiearbeit einen gesellschaftspolitischen Dialog anregen will. „Statt eine Allianz gegen die negativen Kräfte, nehmen Ausgrenzung und Fremdenhass zu“, konstatiert sie.

Das Stück bietet da allerhand Diskussionsgrundlage. Und es geht nach Meinung der Regisseurin nur um eins: Geld, Gold, den persönlichen Vorteil. Da ist die tragische Gestalt des Juden Shylock, der einem venezianischen Kaufmann (Antonio) Geld leiht, damit dieser seinem Freund von Bassanio bei einer Brautwerbung finanziell unter die Arme greifen kann. Als Shylock großzügig auf Zinsen verzichten möchte, beleidigt ihn Antonio, der Judenhasser. Shylock reagiert mit der Forderung: ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper, wenn die Rückzahlung nicht pünktlich erfolgt. Drei Liebespaare bietet Shakespeare neben der Shylock-Problematik.

„Ideale Sündenböcke“

„Niemandem geht es um Liebe, alle denken nur an Vorteile“, hat Ewa Teilmans entdeckt. Sie hat sich zur besseren Einordnung einer Dichtung, die Shakespeare auf die Bühne brachte, als es (offiziell) gar keine Juden in England gab, Religions-Kenner als Ratgeber gesucht: „Der Antisemitismus in Deutschland nimmt gegenwärtig zu“, betont Elísheva Libeaux, die der Regisseurin bereits bei der Inszenierung des Musicals „Anatevka“ zur Seite stand, wo es um jüdisches Leben ging. „Juden waren zu allen Zeiten ideale Sündenböcke“, betont sie.

Für Andreas Frick, Generalvikar des Bistums Aachen, spiegelt sich im Stück eine zeitlose menschliche Neigung: die Schadenfreude. „Das hat Shakespeare intensiv dargestellt“, meint Frick, der zudem feststellt: „Wenn wir heute ins Ausland reisen, sind wir angetan von Menschen, Traditionen und Religionen. Kommen sie aber zu uns, ist das ganz anders.“

Der Cocktail aus Angst, Kränkung und Ohnmacht habe eine verheerende Wirkung. „Neid und Eifersucht“ liest Abdurrahman Kol, Vorsitzender der Ditib Gemeinde in Aachen, aus dem Verhalten der meisten Personen im „Kaufmann von Venedig“, speziell gegenüber Shylock. „Ich nenne das tiefsitzende Fremdenfeindlichkeit, das betrifft gleichfalls uns Muslime, die wir gern von anderen als Islamisten bezeichnet werden“, sagt er. „Vor 15 Jahren haben etwa 30 Prozent der Bundesdeutschen Muslime abgelehnt, heute sind es bereits 70 Prozent.“

All diese Aspekte wird Ewa Teilmans unter dem Motto „thinking outside the box“ also „über bisherige Grenzen hinweg denken“ in ihrer Shakespeares-Inszenierung miteinander verknüpfen.

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