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Venlo/Köln: Realistische Übung: „Limburg unter Wasser”

Venlo/Köln : Realistische Übung: „Limburg unter Wasser”

Um acht Uhr morgens erreichte ganz Limburg die Schreckensmeldung: Eine verheerende Flutwelle bahnt sich ihren Weg durch die niederländische Provinz. Schlimmer noch als die Hochwasserkatastrophen von 1993 und 1995 droht dieses Mal die Überschwemmung zu werden, prognostiziert der Nachrichtensender L1.

Innerhalb von 72 Stunden wird sich die Flutwelle von Maastricht bis in den Norden der Provinz vorarbeiten. Die Feuerwehr ist bereits dabei, künstliche Dämme zu errichten.

In Roermond ist der erste Deich unterspült. Die Bevölkerung ist verunsichert. Zu wenig Informationen dringen über die Gefahrenlage durch. Und die Fernsehnachrichten wirken auch nicht gerade beruhigend: „Hilfe vom Land ist nicht zu erwarten”, verbreitet L1.

Schließlich stehen große Teile der Niederlande bereits unter Wasser. Phase Rot ist erreicht.

Das ist das Szenario der Hochwasserübung „Rainbow”. „Rainbow” ist die größte Hochwasserübung, die jemals in Limburg stattgefunden hat, und Teil der ersten Hochwasserübung für die gesamten Niederlande.

Vergleichbares gibt es in Deutschland nicht. Unter den Behörden in NRW herrscht sogar Unklarheit über die Dimensionen der hiesigen Übungen: Während die Bezirksregierung Köln sagt, es gebe keine Hochwasserübungen, die über die Kreisebene hinausgingen, ist das NRW-Innenministerium sicher, dass kreisübergreifende Übungen von den Bezirksregierungen koordiniert werden.

Als Staat, der in Teilen unter dem Meeresspiegel liegt, haben die Niederlande einen ganz anderen Bezug zum Hochwasser als Deutschland. So ist der Hintergrund von „Rainbow” - das mag etwas überraschen - die Überflutung von New Orleans im Jahr 2005.

Das niederländische Kabinett stellte sich damals die Frage „Wie gut sind wir eigentlich vorbereitet?”, berief einen Arbeitskreis zur Bestandsaufnahme ein und ließ Verbesserungsvorschläge ausarbeiten.

Die Koordinierungsstelle von „Rainbow” befindet sich in Venlo bei der Feuerwehr Limburg-Nord. Die Federführung hat die Sicherheitsregion Limburg-Nord.

600 Personen nehmen teil: Vom Vertreter aus dem Verteidigungsministerium über den Bürgermeister bis zum Betreiber der Wasserleitungen. Einzelheiten des Szenarios kennen sie nicht.

Wie sie auf die Informationen aus dem Stab reagieren, ob sie die Lage richtig eingeschätzen und die notwendigen Schritte in die Wege leiten, darauf kommt es an. Alles virtuell, versteht sich. Schließlich kann sich ein Staat zu Übungszwecken nicht mal eben für eine Woche unter Wasser setzen.

„Wenn die Übungsteilnehmer gut sind, denken sie immer eine Gefahrenstufe weiter”, sagt Chris Trines von der Feuerwehr Limburg-Nord. Bis jetzt läuft es gut - nur ein außerplanmäßiges Problem hat sich ergeben.

Das Informationsnetzwerk der Sicherheitsregion, in dem die Meldezentrale Daten der übergeordneten Reichswasserbehörde zu Lage- und Gefahrenbeschreibungen verarbeitet und Aufgaben nach unten weitergibt, ist überlastet. Es arbeitet etwas träge.

„Gut zu wissen”, sagt Trines, „damit hatten wir nicht gerechnet”. Nichts bleibt verborgen, denn alle Abläufe werden überwacht und später ausgewertet. Kostenpunkt inklusive einjähriger Vorlaufzeit: 700.000 Euro.

Inzwischen hat der Vertreter des Verteidigungsministeriums in der Übung entschieden, in Weert eine Notunterkunft für 1700 Personen einzurichten. „Vielleicht müssen wir die später nach Eindhoven verlegen”, überlegt Offizier Sjaak Liebregts.

Er halte Stromausfälle wegen gefluteter Schaltkästen für wahrscheinlich. Unzählige Haushalte wären dann von der Außenwelt abgeschnitten. Die Evakuierung des Venloer Krankenhauses ist bereits in die Wege geleitet.

Das Szenario der Hochwasserübung ist ein einziger Alptraum - aber nicht unrealistisch. „In Limburg haben wir etwa ein Mal pro Jahr Hochwasserwarnung”, sagt Trines.

Zwar sei diese Übung auf Überflutungen angelegt, wie sie statistisch ein Mal in 1250 Jahren vorkommen, aber darauf könne man sich angesichts der Zunahme von Naturkatastrophen größerer Dimensionen nicht verlassen.