1. Kultur

Werke aus der Sammlung Ludwig: Raus aus der Blümchenidylle, rein ins Kunstchaos

Werke aus der Sammlung Ludwig : Raus aus der Blümchenidylle, rein ins Kunstchaos

„Blumensprengung“: Das Ludwig Forum Aachen zeigt erstmals die Werke von Künstlerinnen aus der Sammlung Ludwig.

Herz, Hirn, Darm – riesige innere Kunststofforgane liegen silberfarben einfach so auf dem Boden herum und empfangen die Besucher des Aachener Ludwig Forum. Ein Wink zur aktuellen Corona-Krise, bei der das Thema Gesundheit derzeit alle Welt beschäftigt? Nein, es ist ein Kunstwerk mit Namen „Die Landschaft“ aus dem Jahr 1993, ein Beitrag der slowenischen Künstlerin Tatiana Demcakova zur aktuellen Ausstellung „Blumensprengung“, die ab Samstag bis zum 13. September zu sehen ist.

Und wie es die Kunst so will, darf gleich noch ein Rätsel gelöst werden. Blumensprengung? Was hat es damit auf sich? Ist hier explosive Aktionskunst zu erwarten? Nein, das Motto bezieht sich auf die Fotoserie „Blumensprengungen“ der Künstlerin Annette Wehrmann, die in den 1990er Jahren in Fußgängerzonen Feuerwerke in grauen Pflanzkübeln zündete – ein künstlerischer Akt, zu verstehen als offensiver Aufbruch von Künstlerinnen frei nach dem Motto „raus aus der Blümchen-
idylle, hinein ins Kunstchaos“.

Künstlerinnen sind demnach die Klammer, die diese Ausstellung zusammenhält. Das Ludwig Forum folgt damit einerseits einem kuratorischen Trend, andererseits nimmt es den 50. Jahrestag der Eröffnung der Neuen Galerie und damit des ersten Ausstellungsorts für die Sammlung Ludwig in Aachen zum Anlass, die vielen herausragenden, aber eher selten beachteten Kunstwerke von Frauen aus der Sammlung zu präsentieren.

Rund 100 Werke von 70 Künstlerinnen haben die Ausstellungsmacherinnen Annette Lagler und Myriam Kroll für diese Ausstellung ins Licht gehoben – vielfach aus den Tiefen des Depots, teilweise noch nie ausgestellt. Herausgekommen ist eine Schau voller künstlerischer Überraschungen, aber auch des freudigen Wiedersehens mit guten alten Bekannten.

Nancy Graves’ „Kamele“ sind ebenso zu bestaunen wie Jann Hawarths „Surfer“, Rune Mields’ „Nr.26“, Heike Webers „Amor & Psyche“ oder Judy Pfaffs Installation „Untitled (Middle Ages)“. Erstmals ausgepackt wurde Gina Lee Felbers filigrane Traumfänger-Installation, neu angekauft Anna Oppermanns raumfüllendes Arrangement „Gurken und Tomaten (Frau sein).

Es ist eine großartige Präsentation von Pionierinnen der Kunstgeschichte über ein halbes Jahrhundert hinweg und auch eine ebenso notwendige wie beeindruckende Neuinterpretation und Würdigung des Sammlungsbestands. Man darf es als Glück bezeichnen, dass die Offenheit des Ehepaars Peter und Irene Ludwig dazu führte, dass heute mehr als 20 Prozent der Werke der Sammlung von Künstlerinnen sind – eine Seltenheit in privaten Sammlungen, wie Brigitte Franzen von der Ludwig-Stiftung betont. Auch vor diesem Hintergrund findet sie es umso bedauerlicher, dass die Stadt Aachen dieses Kunst-Jubiläum offensichtlich gar nicht begehen möchte.