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Lüttich: Rarität auf der Opernbühne: „Manon Lescaut“ unter Wert verkauft

Lüttich : Rarität auf der Opernbühne: „Manon Lescaut“ unter Wert verkauft

"Manon Lescaut": Die Opéra Royal de Wallonie in Lüttich zeigt derzeit mit der 1856 uraufgeführten Version von Daniel-François-Esprit Auber die früheste Vertonung des Stoffs.

Die knapp gefasste Liebesgeschichte des Abbés Prévost um die schillernde Figur der „Manon Lescaut“ hat auf der Opernbühne mindestens so nachhaltige Spuren hinterlassen wie in der Literatur. Jules Massenet ist mit dem Stoff ein Meisterwerk gelungen, und Puccini hat ihm sogar seinen internationalen Durchbruch zu verdanken.

Die Opéra Royal de Wallonie zeigt derzeit mit der 1856 uraufgeführten Version von Daniel-François-Esprit Auber die früheste Vertonung des Stoffs. Ein Werk, das in seiner lyrischen, unsentimentalen und undramatischen Tonsprache dem literarischen Original näher kommt als die berühmteren Versionen von Massenet und Puccini. Allerdings wird dadurch auch eine Einbuße an Bühnenwirksamkeit erkauft.

Lohnend ist die Begegnung mit der Rarität allemal, wie die Neuinszenierung der Lütticher Oper zeigt, auch wenn die Aufführung sowohl szenisch als auch vokal nicht zu den besten Produktionen der Lütticher Oper gehören dürfte.

Auber geht recht freizügig mit der Vorlage um. Ungewohnt die starke Bedeutung des Marquis d’Hérigny, dessen Wohlwollen sich Manon durch ihre Liebe zum schmucken Chevalier des Grieux verscherzt. Gedacht als Tribut an Aubers berühmten Bariton Jean-Baptiste Faure, während die von den Spätromantikern üppig ausgeführte Deportationsszene nur peripher berücksichtigt und sogar der jugendliche Liebhaber des Grieux stiefmütterlich behandelt wird.

Regie führt Paul-Émile Fourny, geboren in Lüttich, derzeit Direktor der Oper von Metz. Obwohl er einst zum Kader Gerard Mortiers gehörte, verblüffte er jetzt durch eine Inszenierung, die den Namen kaum verdient. Zu sehen ist Oper im Stillstand. Von reflektierter Personenführung keine Spur. Selbst in der finalen Sterbeszene stehen Manon und des Grieux unbeteiligt nebeneinander, bevor sich die verdurstende Dame auf der Seite eines überdimensionalen Buches (Ausstattung: Benoit Dugardyn) auf das Jenseits vorbereitet. Ein optischer Hinweis auf die literarische Quelle des Stoffs, die allerdings mehr von intellektuellem als bühnenwirksamem Nutzen ist.

In einer Bibliothek startet die Liebesgeschichte noch vielversprechend. Studenten treffen sich, wobei es zu diversen Annäherungen und Liaisons kommt, bevor die Protagonisten der Handlung in historischen Kostümen die Handlung eröffnen und ihr müde inszeniertes Spiel eröffnen.

Cyril Englebert trifft am Pult des Orchesters der Lütticher Oper den feinen, letztlich aber auch etwas matten Tonfall des Werks. Gesungen wird auf eher durchschnittlichem Niveau. Mit Sumi Jo konnte für die Titelpartie eine Sängerin gewonnen werden, die bereits unter Karajan zu Ruhm gekommen ist und stimmlich die nötige Flexibilität und helle Färbung mitbringt.

Auch die koketten Koloraturen bereiten ihr keine Schwierigkeiten, auch wenn ihrer insgesamt reifen Interpretation die nötige jugendliche Unbekümmertheit fehlt. Ihr Liebhaber des Grieux ist bei Enrico Casari gut aufgehoben. Den Marquis gestaltet Wlard Witholt mit nobler Stimme. Ein Sonderlob verdient Sabine Conzen als Marguerite.

Viel Beifall für eine lohnende Begegnung mit einer Rarität, die in Lüttich etwas unter Wert präsentiert wird.