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Aachen/Hennef: Ranga Yogeshwar: „Wir werden alle neugierig geboren“

Aachen/Hennef : Ranga Yogeshwar: „Wir werden alle neugierig geboren“

Künstliche Intelligenz, digitale Revolution, Gravitationswellen — was zunächst unverständlich klingt, wird plötzlich ganz logisch, wenn er es erklärt: Ranga Yogeshwar. Der 58-Jährige ist Deutschlands beliebtester Wissenschaftsjournalist. Am Samstag ist es genau 25 Jahre her, dass die von ihm entwickelte und präsentierte Sendung „Quarks und Co“ — kürzlich umbenannt in „Quarks“ — erstmals im WDR ausgestrahlt wurde.

Im Gespräch mit Katharina Menne erzählt der Sohn eines indischen Vaters und einer luxemburgischen Mutter, was ihn noch immer mit seiner Studentenstadt Aachen verbindet, was es mit der Neugier auf sich hat und warum ihn gesellschaftliche Debatten nicht kalt lassen.

WESTDEUTSCHER RUNDFUNK K×LN WDR Wissensmagazin: Mai Thi Nguyen-Kim moderiert ab Mai bei Quarks Mai Thi Nguyen-Kim ist neue Moderatorin beim Wissensmagazin Quarks. Von Mai an wird die 30-Jährige regelmäßig neben Ranga Yogeshwar und Ralph Caspers vor der Kamera stehen – und ihre Leidenschaft für die Wissenschaft unter Beweis stellen. © WDR/Linda Meiers, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter WDR-Sendung und bei Nennung "Bild: WDR/Linda Meiers" (S1+). WDR Presse und Information/Redaktion Bild, Köln, Tel: 0221/220 -7132 oder -7133, Fax: -777132, bildredaktion@wdr.de Foto: WDR/Linda Meiers

Herr Yogeshwar, eigentlich sind Sie Physiker. Bei „Quarks und Co“ erklären Sie aber seit 25 Jahren Zusammenhänge aus nahezu jedem Themenbereich. Wie wird man eigentlich zum Alleswisser?

Ranga Yogeshwar: Ich bin sicherlich kein Alleswisser. Aber ich setze mich immer wieder neu mit Themen aus verschiedenen Bereichen auseinander und versuche sie so gut wie möglich zu durchdringen, um sie dann erklären zu können. Das bringt eine steile Lernkurve mit sich. Gewissermaßen bin ich seit 30 Jahren Student, weil ich immer wieder etwas Neues dazulerne. Das führt auf Dauer zu einer breiten Kompetenz.

Sie haben in Aachen an der RWTH Physik studiert. Haben Sie noch eine Verbindung zur Stadt?

Yogeshwar: Ja, natürlich. Aachen ist ein Stück Heimat in meiner Biographie. Aachen ist die Stadt, in der ich erwachsen wurde — das lässt einen nicht los. Die Stadt weckt immer noch diese warme Schwingung in mir.

Gibt es eine Folge aus 25 Jahren „Quarks und Co“, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Yogeshwar: Oh, mich da festzulegen würde bedeuten, mein ganzes Berufsleben zu bilanzieren. Natürlich gab es viele tolle und berührende Momente in den unterschiedlichsten Sendungen. Der Besuch der Reaktoranlage in Fuku­shima nach der Nuklearkatastrophe im Jahr 2011 war sicherlich sehr besonders. Auch der Besuch bei den San in Namibia, einem der letzten Jäger- und Sammlervölker der Welt, war beeindruckend. Da merkt man, wie blind der moderne Industriemensch gegenüber seiner Umwelt geworden ist. Auch viele spannende Experimente haben die vergangenen 25 Jahre „Quarks und Co“ geprägt. Aber das Wichtige ist nicht das Thema an sich, sondern der Tiefgang. Dann gibt es immer wieder Überraschungen. Die eigene Erfahrung ist ein Schlüssel zur Erkenntnis.

Kann man anderen Menschen Neugier und Wissensdurst beibringen?

Yogeshwar: Das muss man niemandem beibringen. Wir werden alle neugierig geboren — schauen Sie sich nur mal Babys an, wie die ihre Welt erkunden. Die stecken alles in den Mund und wollen alles ausprobieren. Aber mit Sendungen wie „Quarks und Co“ lege ich diese Neugier wieder frei, wenn sie in den Hintergrund gerückt ist. Ich möchte den Menschen Mut machen, selbst zu denken und ihnen sagen: Geh deinen Fragen nach. In der Schule geht es zu viel darum, Fakten zu reproduzieren, und zu wenig um tiefes Verständnis. Dabei muss man sich mit den Inhalten identifizieren, um sie zu durchdringen.

Sie waren, wie Sie eben selbst sagten, nach dem Reaktorunfall in Fukushima unterwegs oder sind mit Saugnäpfen an den Füßen eine 70 Meter hohe Fassade hinaufgeklettert. Gibt es etwas, das Sie nicht machen würden?

Yogeshwar: Was ich ablehne ist, wenn Experimente auf Kosten von Menschen gehen, wenn Menschen vorgeführt werden. Hinter dem, was ich in all den Jahren gemacht habe, stand immer ein spezielles Anliegen, eine Frage. Es war nie reine Selbstdarstellung. Ich wollte immer ehrliche eigene Erfahrungen machen, die mir erlauben anders über ein Thema zu reden — unabhängig von jeder laufenden Kamera.

So zum Beispiel in der Quarks-Folge mit den Orang-Utans auf Borneo, in der Sie den Folgen des Palmöl-Anbaus nachspüren…

Yogeshwar: Es geht da um Empathie nicht nur gegenüber Menschen, sondern auch gegenüber der Natur. Vielfalt in der Natur ist fast abstrakt geworden für uns. Unsere Wälder sind schön, aber nicht so vielfältig wie ein echter Urwald. Wenn man das aber selbst erlebt, überkommt einen Demut und Euphorie — das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Plötzlich merkt man: Wow, das Leben auf diesem Planeten ist wirklich grandios. Dann will man nie wieder Pizza essen, in der Palmöl verarbeitet wurde, für das dieser Urwald mitsamt vielen darin lebenden Tieren sterben musste.

Wann und wie haben Sie Ihr Talent entdeckt, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären?

Yogeshwar: Tatsächlich finden Sie in Aachen alle Wurzeln, die zu dem führen, was ich heute tue. Ich habe sehr früh als junger Physiker Übungen für die Studenten der unteren Semester geleitet. Dabei habe ich gemerkt, dass ich gut vermitteln kann. Es ist sehr wichtig, dass man empathisch ist und sich in diejenigen hineinversetzen kann, denen man etwas erklärt. Und ich konnte sehr gut nachfühlen, an welchen Stellen die Studenten Gleichungen nicht verstanden oder Fragen hatten. Das zweite war eine von mir organisierte interdisziplinäre Ringvorlesung an der RWTH in den 80er Jahren. Die hieß „Verantwortung für den Frieden“. Damals hatten wir den Höhepunkt der nuklearen Hochrüstung erreicht. Sinn und Zweck war, die Verantwortung des wissenschaftlichen Handelns in den Mittelpunkt zu rücken — zu sagen, lieber Physiker, denk über die Konsequenzen deiner Forschung nach. Dinge verständlich erläutern, aber dabei auch die gesellschaftlichen Facetten mit einzubeziehen. Das ist das, was ich bis heute mache. Da bin ich mir treu geblieben. Das wird mich eines Tages noch umbringen (lacht).

Warum? Ich hoffe nicht…

Yogeshwar: Doch, weil ich zu sehr dafür brenne. Mir sind gesellschaftliche Debatten nicht egal. Es gibt Leute, die sind nach 30 Jahren abgeklärt, die lässt das kalt. Aber ich bin da bis heute hochemotional. Ich schlage mir die Nacht um die Ohren, um die Anhörung von Mark Zuckerberg vor dem US-Senat im Facebook-Skandal live anzuschauen. Aber es ist auch mein Glück, dass ich noch immer morgens aufwache und sage, dass ich den tollsten Beruf habe, den man haben kann.

Mit „Quarks und Co“ versuchen Sie immer wieder ein ruhiger Pol in der allgemeinen Aufregung zu sein — so auch in der Dieseldiskussion, bei der Rückkehr des Wolfs und in der Glyphosat-Debatte. Doch von mancher Seite wird Ihnen dann Verharmlosung vorgeworfen…

Yogeshwar: Die Kritik höre ich zum Glück eher selten. Quarks gehört — und da bin ich auch sehr stolz drauf — zu den Fernsehsendungen mit den meisten Auszeichnungen aus vielen verschiedenen Bereichen. Das wäre nicht so, wenn wir Quatsch erzählen würden. Aufklärung ist ein wichtiger Teil von Demokratie und da muss in eine aufgeheizte Diskussion, die sich von den Fakten entfernt hat, manchmal Ruhe hineingebracht werden. Als Wissenschaftsjournalist habe ich da eine verantwortungsvolle Rolle.

Diese Verantwortung nehmen Sie auch in der aktuellen Debatte um die Datenweitergabe von Facebook wahr. Sie haben in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angemerkt, dass Soziale Netzwerke ihre Unschuld verloren hätten und dass das alles „in der selbstverschuldeten Unmündigkeit unserer Gesellschaft enden“ könne. Doch gerade Journalisten — auch Sie — nutzen Facebook, Twitter und Co. um möglichst viele Menschen zu erreichen. Was nun?

Yogeshwar: Dazu muss ich sagen, dass ich Facebook nicht zur Selbstdarstellung nutze, sondern dafür, Debatten loszutreten. Ich gehe auf meiner Seite auch kritisch mit Facebook selbst ins Gericht. In der Anhörung von Mark Zuckerberg wurde deutlich, dass manche Menschen gar nicht wissen, was hinter Facebook steckt und wie die ihr Geld verdienen. Auch ist erschreckend, dass in einer Studie kürzlich herauskam, dass falsche Behauptungen siebzig Prozent häufiger auf Twitter geteilt werden als korrekte Informationen. Das führt zu einer Verzerrung. Wir brauchen da stärkere Regulierungen, damit uns die gesellschaftliche Kommunikation nicht völlig entgleitet.

Im Jahr 2010 kam Ralph Caspers als Moderator zu „Quarks und Co“ hinzu, jetzt ganz neu Mai Thi Nguyen-Kim, es gibt ein eigenes Online-Team. Die Marke „Quarks“ hat sich ein Stück weit von Ihnen emanzipiert. Ziehen Sie sich langsam aus der Sendung zurück?

Yogeshwar: Es gibt zwei Gründe für die Erweiterung des Moderatorenteams. Der eine ist, dass ich kein klassischer Moderator bin, der nur seinen Text vom Teleprompter abliest, sondern dass ich mich mit den Themen intensiv beschäftige. Dadurch bin ich beschränkt — ich kann nicht jede Woche eine Sendung machen, das schaffe ich nicht. Insofern war ich total froh, als Ralph einen Teil übernommen hat und durch seine Art auch eine ganz andere Färbung hineingebracht hat. Zum anderen soll der Geist des Wissenschaftsjournalismus langfristig fortbestehen und die Sendung auch über meine Karriere hinaus Bestand haben. Ich habe in meinem Leben zu viele Egomanen erlebt, die keine fremden Götter neben sich duldeten. Ich habe die Hoffnung, dass meine großartigen Kollegen „Quarks“ auf lange Sicht übernehmen.

Mai Thi Nguyen-Kim ergänzt „Quarks“-Team

Quarks hat eine neue Moderatorin: Mai Thi Nguyen-Kim (30) wird von Mai an neben Ranga Yogeshwar und Ralph Caspers vor der Kamera stehen — und ihre Leidenschaft für die Wissenschaft unter Beweis stellen.

In ihrer ersten Sendung widmet sich die promovierte Chemikerin den Wetterkapriolen im Frühling.

Mai Thi Nguyen-Kim erklärt, wie der Frühling Flora und Fauna in Schwung bringt, was es mit der Frühjahrsmüdigkeit auf sich hat und warum sich trotz des Erwachens der Natur im April mehr Menschen das Leben nehmen als zu jeder anderen Jahreszeit.

Die 30-Jährige hat an der RWTH Aachen, der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology geforscht. Schon während ihrer Promotion ist Nguyen-Kim erfolgreich auf Science-Slams aufgetreten.

Als YouTuberin hat sie eine große Fangemeinde, zum Beispiel auf ihrem Wissenschafts-Kanal „Schönschlau“.

Los geht es am 1. Mai um 20.15 Uhr im WDR.