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Aachen: Ralf Rothmann, die Stille oder was Literatur vermag

Aachen : Ralf Rothmann, die Stille oder was Literatur vermag

Als Ralf Rothmann zum Ende kommt und das Buch zuschlägt, herrscht für einen langen Moment Stille im Aachener Dom. Man könnte auch sagen: andächtiges Schweigen. Dabei wäre doch jetzt der Augenblick, da man dem Schriftsteller mit einem kräftigen Applaus Anerkennung zollt für seine gelungene Lesung.

Doch die Besucher im sehr gut gefüllten Dom sitzen da und regen sich nicht, vielleicht ist der eine oder andere sogar verunsichert. Man will doch klatschen, will es unbedingt. Man tut es nicht, weil man unter dem Eindruck dessen steht, was Rothmann soeben vorgelesen hat. Kann es einen besseren Beweis für die Kraft von Literatur geben? Manchmal macht sie uns sprachlos. Und reglos zugleich. Und dann bleibt nur Stille.

Mit Rothmann, der unzweifelhaft zu den besten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur zählt, hat die Europäische Stiftung Aachener Dom bei der inzwischen neunten Auflage der Reihe „Literatur zur Nacht: Sub Corona“ einmal mehr ein literarisches Schwergewicht nach Aachen geholt. Begrüßt wird Rothmann von Michael Wirtz, dem Vorsitzenden des Beirats der Europäischen Stiftung Aachener Dom.

Auch der ehemalige Bischof Heinrich Mussinghof sowie die Initiatorin der Literaturreihe, Birgit J. Lermen, und der Hausherr, Dompropst Manfred von Holtum, sind anwesend. In das umfangreiche Werk Rothmanns führt Professor Michael Braun ein, Leiter des Referates Literatur der Konrad-Adenauer-Stiftung und Professor an der Universität Köln. Für die musikalische Untermalung sorgt das Gitarrenduo Martin Friese und Julian Walter-Nußberger von der Musikhochschule Aachen.

Der Furor des Lektors

Rothmann liest eine knappe Stunde, entschuldigt sich zunächst noch, weil er leicht erkältet sei. Davon merkt man aber nichts. Er habe, sagt der 63-Jährige, seine Leidenschaft für das Vorlesen als Lektor in der St. Jakobuskirche in Oberhausen entdeckt. „Da geriet ich während der Lesung in einen Furor“, schwärmt Rothmann. Seine Begeisterung für das Vorlesen ist an diesem Abend spürbar. Rothmann liest mit klarer Stimme, man hört ihm gerne zu.

Neben der Kurzgeschichte „Gethsemane“, unter anderem veröffentlicht in dem 2006 erschienen Erzählband „Rehe am Meer“, liest Rothmann zwei Passagen aus seinem im Vorjahr erschienen und hoch gelobten Roman „Im Frühling sterben“. Und eben eine dieser Passagen versetzt die Zuhörer in die eingangs beschriebene nachdenkliche Stille.

Es ist die letzte Begegnung zwischen den beiden Freunden Friedrich Fiete Caroli und Walter Urban, zwei siebzehnjährige Melker aus Norddeutschland, die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden. Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere, Fiete, an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, dessen Vorgesetzter nicht mit sich reden lässt, steht plötzlich inmitten eines Erschießungskommandos mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund. Niemand verweigert den Befehl. Auch Walter nicht.

Abends zuvor die letzte Begegnung, Rothmann liest: „Walter nippte von dem Schnaps, der in der Kehle brannte, im Magen, ihn aber doch nicht wärmte. Er schloss die Augen und hielt den Atem an, als er plötzlich die Hand des Freundes fühlte, ihr selbstverständliches, um keinen Widerspruch besorgtes Tasten über Wange, Hals und Brust. Es war eine stumme Vergewisserung, eine letzte gar, und er wandte den Kopf weg, um seine Tränen zu verbergen.“

Rothmann möchte, wie er sagt, seine Zuhörer aber nicht ganz so traurig aus der Textwelt entlassen. Deshalb gibt es zum Schluss noch ein kurzes Gedicht: Baum für Baum entziffere die Schrift. Äpfel duften am schönsten nachts. Komm zur Ruhe, sei Gebet. Reinige den Tempel mit einem Lächeln.

Ein Leseabend, der kaum Wünsche offen lässt. Einen vielleicht doch: Wie schön wäre es, wenn sich auch jüngere Menschen die Zeit nehmen würden, um in einem Raum der Stille den Worten eines großen deutschen Schriftstellers zu lauschen. Bei allem Respekt vor dem fortgeschrittenen Alter der Anwesenden (den Autor dieser Zeilen eingeschlossen): So sehr ihnen die Literatur Rothmanns und das, was er zu sagen hat, nahegeht, es müssten im Grunde die jungen Menschen sein, die sich das anhören. Die meisten Älteren wissen es. Aber die Jüngeren . . . Wo sind sie bloß?