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Köln: Pyrozauber und ein bisschen Provokation: Rammstein in Köln

Köln : Pyrozauber und ein bisschen Provokation: Rammstein in Köln

Von oben betrachtet, wirkt der Innenraum der Lanxess-Arena martialisch. Ein Meer von Armen, die nach vorne schnellen, absolut synchron und im Sekundentakt. Wie Pfeile aus weißem Fleisch.

Die Krieger, die es anzufeuern gilt, heißen Till Lindemann, Richard Zven Kruspe, Paul H. Landers, Oliver Riedel, Christoph Schneider und Christian Lorenz. Bewaffnet mit Schweißbrennern, Äxten und dem „Rammlied”, brechen sie sich Bahn. Das entspricht sowohl ihrem Musikstil als auch der Tatsache, dass sie sich in den Charts erfolgreich an die Spitze vorgearbeitet haben.

„Liebe ist für alle da”, das neue Album von Rammstein, ist Gesprächsthema Nummer 1, seitdem es von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt wurde - mit der Begründung, jugendgefährdende Sado-Maso-Praktiken zu verbreiten und zu ungeschütztem Sex zu animieren. Deshalb gibt es die Scheibe nur noch gegen Vorlage eines Ausweises.

Wie aber soll man 28.000 Ausweise kontrollieren? Was man, rein theoretisch, in Köln hätte tun müssen, als die Brachialband für zwei Konzerte am Rhein Station machte. Die praktische Lösung: Das indizierte Lied „Ich tu dir weh” wird zwar gespielt, aber in einer geänderten, jugendfreien Fassung. Die Frage ist nur: Welche Jugendlichen galt es während des 90-Minuten-Auftritts eigentlich zu schützen? Das Gros der Besucher ist um die 30, auch viele weiße und graue Schöpfe lassen sich ausmachen.

Die pubertierende Teenie-Fraktion sucht man vergebens. Vielmehr entspricht das Publikum dem, was bei Bands der härteren Gangart typisch ist: Geringer Frauenanteil, fast alle tragen Schwarz, gerne Leder. Ungewöhnlich ist lediglich der konsequente Boykott des Rauchverbots in der Arena. Das trauen sich selbst Motörhead-Fans nicht.

Die Bühnen-Show macht Pyromanen glücklich: Flammen ragen empor, Feuerfontänen zischen, Funken regnen sprühend herab. Die Hitze ist so stark, dass man sie selbst zehn Meter von der Bühne entfernt noch spüren kann. Fanfarenklänge aus der Sample-Kiste garnieren das krachende Sound-Gewitter. Harte Gitarrenriffs, peitschender Rhythmus, dazu die markante Stimme von Lindemann, die bei Stücken wie „Weißes Fleisch”, „Benzin” oder „Keine Lust” so klingt wie frisch aus der Gruft. Unter drei riesigen runden OP-Scheinwerfern, angetan mit blutroter Fleischerschürze und Federboa, wirkt der muskulöse Sänger wie ein Widergänger von Frank N. Furter aus der „Rocky Horror Show”, der sich in den falschen Film verirrt hat: „Mad Max - unter der Donnerkuppel”.

Nackte Baby-Püppchen baumeln stranguliert von der Decke, Keyboarder Lorenz nimmt ein Bad in obskurer Flüssigkeit und mutiert zu Michael Jackson, beim Klassiker „Engel” stilisiert sich Lindemann zu Luzifer mit flammenden Flügeln. Ein bisschen Voodoozauber, ein bisschen kalkulierter Ekelfaktor, ein bisschen Überheblichkeit. Alles schon mal da gewesen. Und weh getan? Hat es höchstens den Gehörgängen.