1. Kultur

Aachen: Putzige Kolonne putzt traurig im Nationaltheater

Aachen : Putzige Kolonne putzt traurig im Nationaltheater

Vor der „Soap Opera” im Supermarkt-Ambiente kamen bereits „Große Gefühle” im Kino auf - beide Projekte im Theater Aachen entstanden aus der fruchtbaren Zusammenarbeit von Dramaturg Marcel Bugiel und Musiker Gregor Schwellenbach.

Das kreative Duo, das inzwischen auch einzeln und freischaffend wirkt, präsentiert jetzt in den Kammerspielen eine pointierte Gast-Produktion.

Unter Verwendung von Franz Kafkas Fragment „Der Verschollene”, von Max Brod später „Amerika” betitelt, bringen Bugiel und Schwellenbach eine „karnevaleske” Spielart des amerikanischen Traums auf die Bühne.

Im „Naturtheater von Oklahoma” müht sich unentwegt eine putzig anzusehende Putzkolonne, den grünen Rollrasen in unbeirrter Sisyphusarbeit auf Vordermann zu bringen.

Verkleidet als Mischung von Mickey Maus und Charlie Chaplin werden die fleißigen „Putzmäuse” alsbald kenntlich als wehrlose Kämpfer in einem unentwirrbaren „System von Abhängigkeiten”, wie Franz Kafka (1883-1924) den Kapitalismus gesprächsweise bezeichnete.

Sein Fragment, 1912 entstanden, ist hier nur noch ein Subtext für Bugiels neue „kafkaeske” Figuren.

Marcel Bugiel, auf anarchische Komik spezialisiert, inszeniert unerbittlich-ulkig einen amerikanischen Alptraum „jenseits von Eden”: Der Mythos vom Millionär werdenden Tellerwäscher wird zum Nachtmahr - hier wartet auf alle trotz Plackerei kein Aufstieg, sondern die Arbeitslosigkeit.

Die Darsteller packt Bugiel in unförmige Unisex-Kostüme mit Mauseschwanz. Perücken und Schnurrbärte lassen alle ähnlich aussehen.

Auch ohne das (spät einsetzende) Wort faszinieren Sophie Basse, Cornelia Dörr, Karl Walter Sprungala und Laurens Walter als pantomimische Prototypen, die mehrfach die Rollen wechseln.

Das bizarre Besen-Ballett verblüfft mit Hartz-IV-Anklängen und einer Choreografie, die zum Teil von den Schauspielern selbst entwickelt wurde. Textauszüge verbinden sich mit Schwellenbachs musikalischen „Anspielungen” vom Pop-Song über Gospel-Töne bis hin zu Bonhoeffers unverwüstlicher Ode „Von guten Mächten wunderbar geborgen”, von den Schauspielern weidwund intoniert - bis das fromme Lied im blubberndem Putzeimer absäuft.

Wie von ferne lässt auch Kafka grüßen, besonders mit der Torhüter-Fabel „Vor dem Gesetz”, von Sprungala wunderbar unprätentiös gesprochen. Nach mehr als 70 Minuten löst das konzentrierte Spiel allerdings auch Mattigkeit aus - weniger (Zeitdauer) wäre wohl mehr (Wirkung) gewesen.

Nach zwei Stunden kräftiger, demonstrativer Applaus des wohlgesonnenen Publikums, auf der Bühne freuen sich Ensemble und „Macher”, die Bläser vom Prolog und Werkstatt-Mitarbeiter.