Aachen: Protest im Theater? Mit Musik geht es besser

Aachen: Protest im Theater? Mit Musik geht es besser

Das ist wieder einer dieser Fälle, in denen das Leben die Kunst überholt. Als im Theater Aachen die Überlegung reifte, einen Abend über Protestsongs und ihre Wirkungsmacht zu gestalten, da waren die Eindrücke von der „Pegida“-Kundgebung am Aachener Tivoli und von den Gegendemonstrationen noch frisch.

„Seltsam gemütlich“ sei ihr die Veranstaltung der „Pegida“-Gegner vorgekommen, erinnert sich Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld, ohne Leidenschaft und vor allem: ohne Protestsong. Sieht Protest heute so aus? Wenn ja: Kann das Theater eine Anleitung, genauer: eine musikalische Anleitung zum „richtigen“ Protestieren geben?

Die Aachener Anti-„Pegida“-Demo ist jetzt auch schon wieder über ein Jahr her, seitdem hat sich die Welt weiterentwickelt. Und wie Protest heute aussehen kann, inklusive eigens dafür geschriebener Songs, haben zuletzt die weltweiten Anti-Trump-Demonstrationen gezeigt — und tun es noch immer.

Das Projekt ist deshalb nicht vom Tisch — warum auch? Die Zielsetzung des Abends wird auch in nächster Zeit nichts von ihrer Dringlichkeit verlieren. Also: Wie motiviert man zum Handeln? Wie überwindet man den Zustand der Lethargie? Und vor allem: Wie sorgt man dafür, dass Protest auch noch Spaß macht, Energie verströmt, Gruppendynamik erzeugt?

Für das Team um Inge Zeppenfeld und Regisseur Florian Hertweck ist Musik die Antwort auf diese Fragen und Herausforderungen. Sie steht im Mittelpunkt des Theaterabends unter dem Titel „Nicht mit uns!“ Es wird viel gesungen, die Rahmenhandlung, für die die Andeutung eines Schiffs auf der großen Bühne steht, spielt mit ihren fragmentarischen Geschichten und Figuren eine eher untergeordnete Rolle. Perfekt muss oder besser: soll der Gesang auch nicht sein.

„Wir machen Musiktheater, oder besser: Theater über Musik. Und das mit neun Schauspielerinnen und Schauspielern, die singen“, sagt Hertweck, der in Aachen bereits die Rap-Soap „Der Fluch der Tantaliden“ mit Theatermusiker Malcolm Kemp und Schauspieler Tim Knapper ins Mörgens gehoben hat. Beide sind auch in „Nicht mit uns!“ wieder mit dabei, Knapper hat eigens zwei neue Songs für die Produktion beigesteuert. Kemp hat die musikalische „Oberaufsicht“ und spielt mit drei Mitstreitern live auf der Bühne.

Man sollte sich davon überraschen lassen, welche Songs an diesem Abend zu hören sein werden. Die Theatermacher haben „152½ Jahre abendländische Protestsonggeschichte“ geplündert — vom Volkslied „Die Gedanken sind frei“ bis „Kapitalismus“ von Funny van Dannen. Jeder, der bei der Produktion beteiligt ist, durfte bei der Auswahl mitreden. So wurden Songs ausgewählt, wieder verworfen, neu ausgewählt. Das Material war eben immens groß.

Wohin das Projekt auf der Bühne führen wird, ist im Vorfeld nicht so recht abzusehen. Auch hier gilt: Man sollte bereit sein, sich überraschen lassen.

(hjd)
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