Probleme und Querelen in Bonn vor dem Beethovenjahr 2020

Zum 250. Geburtstag des Komponisten : Vor dem Beethovenjahr viel Frust in Bonn

Bonn ist stolz auf den „größten Sohn der Stadt“: Ludwig van Beethoven. Ehrensache, dass die ehemalige Bundeshauptstadt im nächsten Jahr mit besonderer Kreativität und Kompetenz den 250. Geburtstag des Komponisten würdigen und sein gesamtes Werk zur Diskussion stellen will.

Die Zeichen, mit ihren Bemühungen der Bedeutung des Giganten gerechter werden zu können, als es bisher der Nachbarstadt Köln mit ihrem berühmten Sohn Jacques Offenbach gelungen ist, stehen für Bonn freilich nicht gut. Ausgerechnet die Beethovenhalle und das Beethovenfest, neben dem Geburtshaus die prominentesten Vorzeigeprojekte der Stadt, schaffen eine ganze Serie von Problemen.

Marode Beethovenhalle

Mehr als zehn Jahre wurde um einen neuen, architektonisch und akustisch zeitgemäßen Neubau eines angemessenen Konzerthauses für das Jubiläumsjahr gerungen, der die marode und altbackene Beethovenhalle aus den 50er Jahren ersetzen sollte. Drei finanzkräftige Unternehmen setzten sich für das Projekt ein, sprangen allerdings wieder ab, so dass sich die Stadt für eine Kernsanierung der alten Beethovenhalle entschloss. Und zwar bis auf die letzte Schraube denkmalschutzgerecht.

Das kostet Zeit und Geld, so dass der Stadt 2020 nicht einmal die Beethovenhalle als zentrale Spielstätte zur Verfügung stehen wird. Als Ausweichstätten sind das akustisch unzulängliche Kongresscenter WCCB und das ebenfalls sanierungsbedürftige Opernhaus vorgesehen, das bis zu seiner „Genesung“ allerdings erst die Wiedereröffnung der Beethovenhalle abwarten muss.

Das kann dauern. Denn wie beim benachbarten Opernhaus in Köln ziehen sich die Arbeiten aufgrund eklatanter Planungs- und Ausführungsfehler bei der Beethovenhalle ins Ungewisse hin. Etliche Baufirmen haben ihre Mitarbeit bereits eingestellt, und eine Reihe von Missgriffen wie eine teure und schwergewichtige Klimatechnik, die vom Dach des Hauses gar nicht getragen werden kann, erfordern kostspielige Neuplanungen.

Bis jetzt haben sich die Kosten von ursprünglich 43 Millionen auf 117 Millionen Euro hochgeschaukelt. Ende offen. Bonn hat sich damit schon jetzt einen Eintrag ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler eingehandelt. Die Verantwortung für das Desaster an Pleiten und Pannen schieben sich Behörden und Baufirmen – wie in Köln – gegenseitig zu.

Dass Nike Wagner, die nicht sehr glücklich agierende Intendantin des renommierten Beethovenfestes, seit zwei Jahren nicht einmal auf die Beethovenhalle zurückgreifen kann, nutzte sie noch unlängst als Ausrede für den dramatischen Besucherrückgang in ihrer Amtszeit. Die Platzausnutzung schrumpfte von 90 auf 70 Prozent. Während ihre Vorgängerin einem breiteren Publikum bis zur Anschlagsgrenze entgegenkam, brachte Nike Wagner einen intellektuellen Hauch ins Festival – mit langen Vorträgen, Analysen und der massiven Einbindung zeitgenössischer Musik. Davon durfte niemand Bestsellerrekorde erwarten.

Die damit verbundenen finanziellen Einbußen erregten selbst in der der Intendantin gewogenen CDU-Fraktion Unmut, als sie trotz der defizitären Lage den österreichischen Künstler Georg Nussbaumer beauftragte, als Installation einen verkehrt herum hängenden Flügel im Kongresszentrum zu positionieren. Kostenpunkt: 62.000 Euro.

Vollends ins Aus manövrierte sich Nike Wagner mit dem Versuch, den Pianisten und von ihr besonders geschätzten Professor Siegfried Mauser nach Bonn einzuladen, nachdem er im Fahrwasser der „MeToo“-Kampagne in seiner Eigenschaft als Klavierdozent wegen sexueller Übergriffe rechtskräftig verurteilt worden war. Wobei man Wagner weniger die Schützenhilfe für ihren künstlerischen Freund übel nahm als vielmehr ihre lapidaren und frauenfeindlichen Rechtfertigungsversuche („Auch nicht jede Frau ist ein Engel“).

Publikumsschelte von Nike Wagner

Der Gegenwind gewann an Fahrt, so dass Nike Wagner vor wenigen Wochen darauf verzichtete, ihren im nächsten Jahr auslaufenden Vertrag zu verlängern. Mit der undiplomatischen Begründung, das Bonner Publikum sei „altmodisch, romantisch und kuschelig“, ihm fehle es an „Aufgeschlossenheit, Neugier und einer Öffnung nach vorn“. Im 21. Jahrhundert sei es jedenfalls noch nicht angekommen. Die Angriffe hat sie zwar später mit einer Entschuldigung zurückgenommen, die Herzen der Bonner Bürger konnte sie damit jedoch nicht zurückgewinnen.

Bei der anstehenden Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin erhofft man sich kompetentere Hilfe von der neuen Sport- und Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger als von ihrem eher glücklosen Vorgänger Martin Schumacher. Dass sie den Sport in ihrem Ressort aufwerten will, muss einer frischen Neuorientierung auch der Kulturszene nicht im Weg stehen.

Problemlos präsentiert sich derzeit in Bonn das Geburtshaus des Komponisten. Unter der Leitung von Malte Boecker steht es, hervorragend renoviert, glänzend da, klug versorgt mit interessanten Veranstaltungen und Ausstellungen. Und auch von den Aktivitäten der vor drei Jahren eigens für das Jubiläumsjahr gegründeten „BTHVN-Jubiläumsgesellschaft“, deren Leitung ebenfalls Malte Boecker übernahm, erhofft man sich eine stärkere Breitenwirkung. Die Gesellschaft wird gemeinsam vom Bund, dem Land NRW, dem Rhein-Sieg-Kreis und der Stadt Bonn getragen. Mit ihr, teilweise auch mit anderen privaten Trägerschaften, sind gewaltige Projekte anvisiert.

Zum Beispiel sollen 250 Komponisten Stücke zum Thema Beethoven kreieren, die die Pianistin Susanne Kessel in einem Uraufführungsmarathon aus der Taufe heben wird. Bereits im Mai versuchte man die Bevölkerung mit 700 Beethoven-Statuen des Konzeptkünstlers Ottmar Hörl auf dem zentralen Münsterplatz für das bevorstehende Ereignis zu sensibilisieren. Künstlerisch sicher nicht die Krönung im Umgang mit dem Komponisten, aber eine Chance, die Breitenwirkung zu vergrößern.

Daran ist auch Dirk Kaftan interessiert, Generalmusikdirektor der Stadt Bonn, dessen Opernhaus als Spielstätte eine zentrale Rolle einnehmen wird. Kaftan hat die Bonner Oper mit seinem innovativen Programm und einer immensen künstlerischen Leistungssteigerung zu einem der interessantesten Musiktheater des Landes entwickeln können, was ihn nicht daran hindert, mit seinem Orchester selbst auf Jahrmärkten wie dem beliebten „Pützchens Markt“ für das Projekt zu werben.

Pop trifft „Hochkultur“

An Ideen und Projekten mangelt es nicht. Ebenso wenig an Risiken, dass die kunterbunte Mischung von sogenannter Hochkultur und populären Annäherungsversuchen an neue Publikumsschichten zu einem event- und nicht themenorientierten Spektakel führen könnte. Beethoven populär aufbereitet bis zum Abwinken: Das signalisiert einen Weg der Auseinandersetzung.

Einen anderen hat bereits der Komponist Mauricio Kagel vor 50 Jahren anlässlich des 200. Geburtstags Beethovens empfohlen: ein Jahr lang keinen einzigen Ton von Beethoven zu spielen, um zu prüfen, ob und wie stark wir seine Musik vermissen würden.

www.bthvn2020.de

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