1. Kultur

Köln: Praktisch, quadratisch, schön

Köln : Praktisch, quadratisch, schön

Ein Mercedes 300 SL „Gullwing”-Coupé von 1955, so benannt nach den seitwärts hoch emporschwingenden Flügeltüren, innen verschwenderisch mit rotem Leder ausgestattet...

Das Auto ist eines von weltweit 29 Exemplaren, die es ihrer Zeit dank limitierter Aluminium-Karosserie auf beachtliche 260 Stundenkilometer brachten.

Ein zwischen 1937 und 1940 gebautes Radiogerät namens „Nocturne”, rund, riesengroß und futuristisch, dessen verspiegelte Fläche mitternachtsblau im Licht gleißt. Werke von Wassily Kandinsky, Arbeiten von Günther Uecker, Design-Klassiker von Marianne Brandt, Möbel von Le Corbusier. Und, und, und...

3000 Objekte

Für Gabriele Lueg liegt Dorado irgendwo im Zentrum der USA. Dort, wo ein namenloser Privatsammler seit Mitte der 60er Jahre all das zusammengetragen hat (und noch zusammenträgt), was sein Herz begehrt und seine Geldbörse hergibt.

Zunächst galt Mr. No Names Leidenschaft - von Hause aus ist er übrigens Architekt - der freien Kunst, später kam das Design hinzu. Heute umfasst seine Kollektion rund 3000 Objekte und toppt die meisten öffentlichen und privaten Designsammlungen. Als Gabriele Lueg ihr Dorado betrat und sich dort umsehen durfte, um sich die schönsten Exponate für eine Ausstellung auszusuchen, „war das ein Gefühl wie Weihnachten”.

Seit 1989 leitet sie die Designabteilung im Kölner Museum für Angewandte Kunst: „Aber so eine hochkarätige Sammlung habe ich noch nie gesehen, eine Rosine nach der anderen.” 500 der schönsten „Rosinen” sind ab kommenden Dienstag in der Schau „Der 4-eckige Blick. Design und Kunst im Dialog” (in dieser Zusammenstellung erstmals öffentlich in Europa und Amerika) zu sehen.

Weil Mr. No Name, der zwar erklärtermaßen Autos und Uhren am liebsten mag, sein Faible für konkrete und konstruktive Kunstwerke sowie Designklassiker nicht durch eine bestimmte Schwerpunktsetzung eingegrenzt hat, bietet seine Sammlung einen grandiosen Überblick, was bahnbrechende Tendenzen in Kunst und Gestaltung des 20. Jahrhunderts betrifft: „Zwischen der freien und der angewandten Kunst liegen bestimmte Dinge in der Luft, die man sichtbar machen kann.”

Das erreicht das Museum, indem es in drei Ausstellungsbereichen Dinge versammelt, die in ihrer konstruktiv-geometrischen Form die Wahrnehmung auf Gesetzmäßigkeiten lenken, um sie dann miteinander korrespondieren zu lassen.

Im Erdgeschoss sind Exponate aus der Zeit von 1904-1950 zu sehen, in der Zwischen-Etage 200 kultige Radios von A wie Airwing bis Z wie Zephir, im Obergeschoss Stücke von 1950 bis heute.

Der „4-eckige Blick” funktioniert über Zeiten, Materialien und Nationalitäten hinweg. So gilt das Prinzip „praktisch, quadratisch, schön” genauso für den Büro-Schreibtisch mit integriertem Stuhl von Frank Lloyd Wright wie für das Regal-stecksystem von Ron Arat. Ungeachtet dessen, dass das Arbeitsmöbel aus lackiertem Stahlrohr 1904 von einem Amerikaner entworfen wurde und die neonfarbenen Kunststoffplatten 1998 von einem Briten.

Kunst und Leben haben einander in den vergangenen rund 100 Jahren gattungsübergreifend befruchtet, durchdrungen und ergänzt. Das „Crossover der Künste” ist umfassend. Da gibt es Theo van Doesburgs „Stijl-Kombination” (1925), die mit Mies van der Rohes „Barcelona-Stuhl” (1929) korrespondiert, in Conneticut verchromtes Kaffeegeschirr, das an Mondrian-Gemälde erinnert, oder Lithographien, die wirken, als hätten sie Gerrit Thomas Rietveld als Inspiration für seine Stühle gedient.

Die chromblitzenden 50er-Jahres-Utensilien rund um Party und Cocktail würden heute noch jeden hippen Design-Laden schmücken, ebenso wie die lackierten Dosen und Serviettenständer, die um 1930 in Gotha entstanden oder die knallbunten Radio-Modelle der Reihe „Patriot”, die 1940 in den USA der Renner waren. Gutes Design ist zeitlos schön.