Aachen: „Postmoderner Mischmasch“ mit ein paar Millilitern Blut

Aachen: „Postmoderner Mischmasch“ mit ein paar Millilitern Blut

Mr. und Mrs. Macbeth tragen Morgenstern und Abendkleid. Das Werbebanner zwischen den Säulen des Aachener Theaters mag manch einen Cineasten an Brad Pitt und Angelina Jolie erinnern. Ähnlich aufreizend mit Waffe und Sex-Appeal aufgerüstet wie die Sänger Hrólfur Saemundsson und Sanja Radisic, posierte das damalige Kino-Duo für den Film „Mr. & Mrs. Smith“. Auch so ein Mörder-Paar.

Den Aha-Werbeeffekt hat Regisseur Tobias Heyder mit einem Augenzwinkern kalkuliert. In seiner Inszenierung wird Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“ zwar bestimmt keine Action-Komödie à la Brangelina, aber der Zuschauer darf sich schon mal sicher sein, dass der 36-Jährige nicht nur in der Klassik, sondern auch im Pop-Kosmos zwischen Kinofilm und Fernsehserie zu Hause ist.

Daher sollte das Pu-blikum keinen Historienschinken, sondern eher „postmodernen Mischmasch“ erwarten, wie er lachend zugibt. Wo und wann die Geschichte vom schottischen Feldherrn, der — angetrieben durch seine blutrünstige Frau — für die Krone über Leichen geht, bei ihm spielt, will Heyder lieber gar nicht beantworten. Jedenfalls nicht im Schottland des 11. Jahrhunderts, wie es das Libretto nach Shakespeares bekanntem Drama vorsieht. Eher irgendwann und überall.

Vor einer beweglichen, metallisch glänzenden Wand setzt der Hamburger auf eine „Reduktion der Mittel“. Er betont: „Das Wesentliche sind die Darsteller.“ Mit ihnen möchte er einen „frischen Blick auf die Figuren“ werfen, Macbeth und seine Frau also „nicht als Psychopathen und Monster dämonisieren“, sondern als widersprüchliche Menschen zeigen, auch als Liebespaar, für das die Kinderlosigkeit zur Tragödie wird. Da können „die Macbeths“ vielleicht auch mal Anklänge einer Fernseh-Soap gewinnen.

Mit Verdi und reduzierten Mitteln hat der Regisseur diesen Sommer auch bei den Opernfestspielen Heidenheim Aufmerksamkeit erregt. In seinem „Oberto“ gab es auf der Bühne 44 Stühle und sonst fast nix. Die Kritik lobte Heyders packende Personenführung, und der Festival-Chef, Aachens Ex-Generalmusikdirektor Marcus Bosch, feierte ihn als „echte Entdeckung“, obwohl er ihn gar nicht entdeckt hatte. Denn der junge Mann, der in seiner Heimatstadt Musiktheater-Regie studierte, kann schon etliche Arbeiten vorweisen, ob in Karlsruhe, Gelsenkirchen, Luzern oder Frankfurt. Dort hat Aachens Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck seine Inszenierung von Rolf Riehms „Sirenen“ gesehen und war angetan.

Nebenher in Zürich studiert

„Noch“ habe er „nicht den Sprung in die erste Reihe geschafft“, sagt Heyder offenbar ganz ohne Augenzwinkern. Nebenher hat er aber auch noch „Arts Administration“ in Zürich studiert. Irgendwo wird der sicher mal Intendant, denkt man insgeheim, während der blonde Mann — er trägt kariertes Hemd und Jeans, so wie in Aachen sonst gerne Bauingenieure — locker weiterredet. Seine Diplomarbeit über Fundraising, also das Einwerben von Drittmitteln, kann da nicht schaden.

Die nötige Abgeklärtheit bringt der Regisseur jedenfalls schon mit („Mein Beruf besteht zu fünf Prozent aus Kunst, zu 50 Prozent aus Handwerk, zu 22,5 Prozent aus Sozialpädagogik und zu 22,5 Prozent aus Psychotherapie“, doziert er), Eloquenz sowieso — ob in puncto Tiefenpsychologie oder Tarifrecht. Und Effizienz anscheinend auch. Der Mann ist so straff organisiert, dass der geplante Presse-Probenbesuch von einer Stunde auf etwa eine Minute runterschnurrt. Heyder war einfach schon fertig — „momentan läufte_SSRqs“. Obwohl er mit gleich zwei Ladys probt, Mezzo Sanja Radisic und Sopran Irina Popova singen die mörderische Partie alternierend, neben Hrólfur Saemundsson in der Titelrolle.

Und die Hexen? Mit ihren Weissagungen verführen sie Macbeth zur Macht, sie sind der Stolperstein jeder Inszenierung. Müssen Sie bei Heyder putzen oder im Gifttopf rühren? Wohl weder noch. Da er das Stück als „geniale Mischung zwischen Fantasy und Psychologie“ sieht, siedelt der bekennende Serien-Junkie die Hexen zwischen „Game of Thrones“ und „House of Cards“ an — als wandelnde Tote, die der Krieger Macbeth halluziniert.

Hört sich zwar eher nach „The Walking Dead“ an, aber nein, Zombies sollen nicht über die Bühne zucken. Physische Gewalt schon. Also wird sein Aachen-Debüt ein blutrünstiger Schocker? Na ja, Blut fließt, sogar rotes. „Aber im Milliliterbereich“, gibt Heyder Entwarnung. „Auch da bin ich Purist.“