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Aachen: Politische Situation aus nationaler Sicht analysiert

Aachen : Politische Situation aus nationaler Sicht analysiert

Wie belastbar ist Beethovens „Neunte”? Dass man sie seit ihrer Entstehung als Staats-Fanfare für alle Jubel-würdigen und -unwürdigen Gelegenheiten vereinnahmt, daran muss man sich wohl gewöhnen.

Ob es sinnvoll ist, sie alljährlich als Neujahrs-Rakete zu zünden, darüber ließe sich streiten. Nun versucht man in Aachen, ritualisierter Routine durch so genannte „Zwischenrufe” entgegenzuwirken, um den versöhnenden Charakter der Sinfonie aus verschiedenen geistigen Perspektiven namhafter Redner zu vertiefen.

Soll die Sinfonie ihre zentrale Position innerhalb des Neujahrskonzerts bewahren, setzt das voraus, dass die Zwischenrufer auch Schillers und Beethovens visionäre Ausblicke zum Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen nehmen.

Davon konnte in den ersten drei Neujahrskonzerten nur bedingt, zum Teil überhaupt nicht die Rede sein. Richard Schröder, ein Theologe, Philosoph und Verfassungsrechtler von Rang, lieferte zwar im voll besetzten Eurogress eine brillante Analyse der politischen und wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung, blieb ansonsten aber hinter der globalen Weltsicht Schillers und Beethovens zurück.

Einzig seine Forderung, in Anlehnung an Mitscherlichs Bestseller „Die Unfähigkeit zu trauern” über die „Unfähigkeit der Deutschen, sich zu freuen” nachzudenken, ließ einen engeren, wenn auch hier national eingeengten Bezug zur Botschaft des Werks erkennen.

Die Gefahr, dass sich das Neujahrskonzert zur Selbstdarstellung eines prominenten Redners mit musikalischer Kulisse institutionalisieren könnte, wächst mit zunehmender Wiederholung von Jahr zu Jahr. Zumal von Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch natürlich auch nicht in jedem Jahr eine neue Werksicht erwartet werden kann.

Dem unpathetischen, zügigen, entmythisierten Tonfall seines ersten Annäherungsversuchs vor zwei Jahren ist er treu geblieben, die seinerzeit fast aggressive Hektik ist einer milderen Gelassenheit gewichen, die sich auch klanglich moderater als noch 2004 niederschlägt.

Damit bleibt das Scherzo trotz aller Rasanz für das tüchtige Aachener Sinfonieorchester kontrollierbar, das Adagio strahlt Ruhe ohne Schwerfälligkeit aus, und der aus dem Nichts aufklingende Beginn des Kopfsatzes bleibt nüchtern, wirkt aber nicht mehr steril.

Auch der aus dem Opernchor, dem Sinfonischen Chor Aachen und Mitgliedern der „vocapella” zusammengesetzte Chor begnügt sich mit gemäßigten dynamischen Dimensionen und verzichtet auf ein undifferenziertes Dauerfortissimo.

Zu den unlösbaren Problemen der Neunten gehört offenbar die Zusammenstellung eines einigermaßen homogenen Solistenquartetts. Die Sopranistin Irina Popova stach allzu dominant hervor, während sich die Mezzosopranistin Mélanie Forgeron kaum durchsetzen konnte.

Bei Tenor Michael Ende wich Licht im Revolutionsmarsch Schatten in höher gelegenen Piano-Gefilden, und der Bassist Woong-jo Choi überzeugte mit seinen kraftvoll und kultiviert gestalteten Solo-Rezitativen stärker als im Ensemble.

Abgesehen von der sich insgesamt stabilisierenden Qualität der musikalischen Interpretationen bleibt es fraglich, ob mit der Programmgestaltung der Aachener Neujahrskonzerte nicht einer fragwürdigen Institutionalisierung eines Werks Vorschub geleistet wird, dessen provozierende Sprengkraft kaum noch wahrgenommen wird.