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Düsseldorf: Poesie und Krise: „Falsche” Kunst in Düsseldorf

Düsseldorf : Poesie und Krise: „Falsche” Kunst in Düsseldorf

Das winzige Objekt aus Zelluloid, Ebenholzperle und stählerner Sprungfeder ist gerade einmal so lang wie ein Zeigefinger - und steckt dennoch voller Poesie. „Earring Object” nannte die heute weitgehend unbekannte Künstlerin Elsa von Freytag-Loringhoven (1874-1927) ihre kleine, von zartem Glassturz überwölbe Materialcollage, die sie 1918 zum Kunstwerk deklarierte.

Das verspielte Objekt der vergessenen Gräfin aus Swinemünde, die damit - neben dem weltbekannten Avantgardisten Marcel Duchamp - zur Pionierin der neuen Kunst des Ready-Made wurde, ist von Samstag an in Düsseldorf zu sehen. „Wrong” heißt die Ausstellung, mit der ab Samstag (bis 9. Mai) im unterirdischen Ausstellungsort „Kunst im Tunnel” an Düsseldorfs Rheinufer Generationen übergreifend das Schaffen derjenigen gezweigt werden soll, die quer zu jeweils gängigen Kunstvorstellungen standen. „Die frühen Arbeiten sehen nicht älter aus, als die Arbeiten der jungen Künstler”, konstatiert die international gefragte Düsseldorfer Bildhauerin Katharina Fritsch, die hier erstmals auch als Ausstellungskuratorin aktiv geworden ist.

Dies gilt auch für die surrealen Fotos von Wols (1913-1951), der nicht nur mit aufgeschnittenen Nieren auf Blümchenstoff, sondern auch mit einer Reihe eindringlicher Selbstporträts im Kunsttunnel zu sehen ist. Die 1948 geborene Isa Genzken legt einen roh geformten Gipsklumpen mit Draht-Antenne in die Vitrine: Ihre Plastik „Mein Gehirn” (1984) spiegele einen Prozess der „Formfindung” und sei „ein experimentelles Selbstporträt”, urteilt Bildhauer-Kollegin Fritsch.

Der Maler Michael van Ofen malte in den 80er Jahren mit düsterem, breiten Pinsel sich selbst: „Der Künstler als Richard Wagner” heißt das beinahe skulptural wirkende Motiv. Zwei ineinander verkeilte Schuhe in Grün und Knallrot lieferte als hintergründig-bedrohliches Motiv aus einem eigenen Traum Mercedes Neuss (23), jüngste Künstlerin der Tunnel-Schau.

Tiefe Melancholie hingegen in den mausgrauen Bildtafeln, die Dieter Krieg ein Jahr vor seinem Tod 2005 in schwerster persönlicher Krise gemalt hat. Zu sehen sind dahingehauchte, zappelnde Fische oder das Schriftbild „Ohne Macht über das Nichts”. Mit dem Nichts spielt auch Matthias Lahme: Der 1974 Geborene präsentiert „die kleinste Skulptur der Welt”, die er in Gestalt eines kugeligen Grinse-Gesichts zunächst als Plastik modelliert hat. Mit ausgeklügelter Nano-Technologie wurde das Werk dann so verkleinert, dass es allenfalls noch unter einem Mikroskop sichtbar wird.