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Aachen: Plastik im Herzen und in der Blase

Aachen : Plastik im Herzen und in der Blase

Ein Herz aus Plastik? Eine Kunststoff-Perlenkette in der Harnblase? Bei vielen Menschen wird diese Vorstellung wohl großes Unbehagen auslösen. Doch Professor Walter Michaeli, Leiter des Instituts für Kunststoffverarbeitung (IKV) an der RWTH Aachen ist davon überzeugt, dass in der Medizintechnik diesem Material die Zukunft gehört.

Die meisten Menschen mit einem angeborenen Herzfehler haben Löcher in der Herzscheidewand. Herkömmliche Implantate sind aus Metall. Sie werden dem Patienten in einer risikobehafteten Operation eingepflanzt, anschließend wachsen die Lücken allmählich zu.

„Das Problem ist, dass Metalle zu erheblichen Reizungen führen können”, erklärte Michaeli auf der Auftaktveranstaltung zum 24. Internationalen Kunststofftechnischen Kolloquium des IKV, die am Mittwoch im Eurogress stattfand.

Das am IKV entwickelte Plastik-Implantat, eine Art doppelter Schirm, wird lediglich mit einem Katheder in die Herzscheidewand eingeführt und dann über einen ausgefeilten Mechanismus aufgeklappt. Der Kunststoff ist resorbierbar, das heißt, er löst sich allmählich auf. Bei Knochenbrüchen habe man ähnliche Materialien bereits vor 20 Jahren eingesetzt, aber, damals habe der Abbau der Stoffe zu Problemen geführt.

Auch beim Problem einer überaktiven Harnblase, an der hierzulande 17 Prozent der Menschen leiden, könnte eine Art Perlenkette aus Kunststoffschaum dazu beitragen, Medikamente besser zu dosieren. Die Rezeptoren („Empfänger”) funktionieren bei diesem Krankheitsbild nicht mehr richtig. Die Patienten wachen nachts mit dem Gefühl auf, zur Toilette gehen zu müssen, obwohl ihre Harnblase leer ist.

Mit den Plastikkugeln werde die Arznei, so der Institutsleiter, in der richtigen Menge verabreicht, um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten. Eine weitere Anwendung für Plastikeinpflanzungen könne er sich beim Dünndarm vorstellen, denn bei Transplantationen gebe es nur eine Überlebenschance von 49 Prozent innerhalb fünf Jahren.

„Schließt euch zusammen”

Aber es ist nicht nur die Medizintechnik, in der sich die Kunststoffbranche erhofft, weitere Marktanteile zu gewinnen. Auch beim Spritzgießen optischer Komponenten, zum Beispiel bei der Herstellung komplexer Optiken, habe man gegenüber Glas einen Wettbewerbsvorteil, weil die Fertigung wirtschaftlicher sei. Michaeli richtete einen Appell an die Unternehmen, mehr Forschung und Entwicklung zu betreiben.

Zwar lägen die durchschnittlichen Ausgaben in der Medizintechnik rund 50 Prozent höher als im Mittel der deutschen Industrie insgesamt, kleinere und mittlere Unternehmen seien in diesem Bereich jedoch noch sehr zurückhaltend. „Schließt euch zusammen”, forderte Michaeli , nur über Gemeinschaftsforschungen ließen sich strukturbedingte Nachteile kleinerer Betriebe ausgleichen.

Treffen der internationalen Kunststoff-Branche

Rund 500 internationale Fachleute treffen sich zum 24. Kunststofftechnischen Kolloquium des Instituts für Kunststoffverarbeitung der RWTH Aachen (IKV) im Eurogress Aachen. Unter dem Motto „Ideen von heute - Technologien für morgen” präsentiert das IKV die neuesten Forschungsergebnisse und Entwicklungen.

Als ein besonderer Schwerpunkt werden auf der heute zu Ende gehenden Tagung die Beiträge des IKV zur Medizintechnik präsentiert. Das Institut wurde kürzlich beim Innovationswettbewerb des Bundesforschungsministeriums für die Entwicklung eines neuartigen Stabilisators für kleine Röhrenknochen ausgezeichnet. Er soll die Heilung von Brüchen der Rippen, Schlüssel- und Wadenbein beschleunigen.