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Planerische Mängel in Moskau

Planerische Mängel in Moskau

Moskau (an-o) - Drei Tage lang führte Nordrhein-Westfalen in Moskau vor, was seine Hochschulen und Forschungseinrichtungen in den globalen Megathemen Verkehr, Energie, Biotechnologie und Kommunikation zu leisten vermögen. Eine Anstrengung mit "ergebnisoffenem" Ausgang.

Neben Landtagsabgeordneten, Hochschulrektoren und Akademie-Präsidenten waren dazu 130 Wissenschaftler eingeflogen, die serienweise Vorträge hielten sowie Spitzen-Projekte ausstellten, darunter das Aachener Kunstherz und die Jülicher Brennstoffzelle.

Während die parallel stattfindende Wirtschafts-Präsentation von NRW in Moskau trotz redenreicher Bemühungen des Ministerpräsidenten, von vier Landesministern und dem Bundeswirtschaftsminister in den Medien als ziemlicher Flop wider hallte, ist die Diskrepanz zwischen dem Auftrieb der "größten NRW-Wissenschaftsdelegation aller Zeiten" und ihrer möglichen Wirkung auf die russischen Gastgeber nicht so einfach zu fassen.

Das ganze Spektakel litt erheblich unter planerischen Mängeln. Die Tagung war miserabel beworben und Hinweise auf voraussehbar schwachen Besuch waren in der Staatskanzlei ignoriert worden. So mancher Vortrag fand vor der Handvoll Studenten statt, die der deutsche Dozent ohnehin aus dem Partnerschaftsprojekt seiner Uni mit einer russischen Hochschule kannte. Nicht nur am Life-Science-Stand der RWTH ließ sich drei Tage lang nicht ein russischer Professor blicken, so dass man die Exponate schließlich den interessierten Jungs von der Security erläuterte. Großen Zulauf hingegen hatten Veranstaltungen zum "Bologna-Prozess", also zu den gesamteuropäischen Bemühungen um die Vergleichbarkeit von Studiengängen und die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen.

"Konstruktives" Interesse am Wissenschaftsland NRW bekundeten auch der Bildungs- sowie der stellvertretende Eisenbahnminister ("diese Delegation war selbst für Moskau ein markantes Ereignis") - verbunden mit dem Hinweis, dass man mit Bayern schon ein paar Schritte weiter sei.

Gegenseitige Interessen

Dass NRW Nachholbedarf in Bezug auf das russische Wissenschaftspotenzial hat, war ein wesentliches Motiv für den Besuch. "Es gibt hier so viele ausgezeichnete junge Wissenschaftler, von denen wir profitieren können", erklärte Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft und sagte umgekehrt den Russen die erbetene Unterstützung beim Technologietransfer zu. Die haben aber wenig Neigung, ihre besten Leute in den Westen ziehen zu lassen - wobei nicht wenige Deutschland ohnehin nur als Sprungbrett in die USA nutzen.

Als zunächst "greifbares" Ergebnis legte Kraft nach zwei Gesprächen mit ihrem russischen Ministerkollegen Ilya Klebanov eine "Rahmenvereinbarung" mit dem Moskauer Wissenschafts-Komitee vor. Die verspricht: den Austausch von Wissenschaftlern zu fördern, gemeinsame Projekte marktfähig zu machen (hier winken EU-Fördergelder) und schließlich die Kommunikation zwischen den wissenschaftlichen Einrichtungen beider Seiten zu verbessern (Portal im Internet).

Günstige Freundschaft

"Nun müssen", machte sich die Ministerin nach drei Tagen Anstrengung Mut, das Land NRW den Russen als Partner anzubieten, "die Beziehungen auf allen Ebenen erfolgreich weiterentwickelt werden". Freundschaft nämlich, hatte sie in ihrer Eröffnungsrede ein russisches Sprichwort zitiert, sei mehr wert als hundert Rubel. Das sind zurzeit nur knapp drei Euro. Doch die erstaunlich herzliche Zuneigung russischer Intellektueller zu Deutschland ist in der Tat nicht weniger wert als ministerielle Vereinbarungen. Und "viel versprechende Kontakte" zwischen russischen und deutschen Forschern hat es, mit oder ohne Wodka, in Fülle gegeben.