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Aachen: Pionierarbeit gegen das Vergessen

Aachen : Pionierarbeit gegen das Vergessen

Es ist bedauerlich, wenn man alte Urlaubsfilme nicht mehr anschauen kann, weil der Videorekorder dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen ist. Zum Drama wird es aber, wenn Pionierarbeiten der Videokunst nicht mehr abspielbar sind, weil die passenden Geräte nicht mehr existieren - oder die Bänder mittlerweile schlicht verdreckt und zusammengebacken sind.

Eine Problematik, die 2004 zur Gründung des Labors für antiquierte Videosysteme am Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe führte. Christoph Blase und seinen Kollegen ist es gelungen, mehr als 300 alte Videorecorder zusammenzutragen.

Damit können sie fast 50 unterschiedliche Bandformate, die von den 60er bis in die 80er Jahren in Gebrauch waren, abspielen, restaurieren und digitalisieren. Ein gigantischer, doch unvermeidlicher Aufwand.

„Sonst ist eine ganze Sparte der Kunstgeschichte einfach weg”, befürchtet Blase. Bei seiner Forschungsarbeit gelingen ihm mitunter Aufsehen erregende Entdeckungen: Filme, die teils noch nie öffentlich gezeigt wurden. Ein Band der renommierten Videokünstler Ulrike Rosenbach und Klaus vom Bruch etwa, das 30 Jahre nach der Aufzeichnung nun in Aachen seine Weltpremiere erlebt.

Oder ein „echtes Stück Kulturgeschichte”: Das bisher unveröffentlichte Video zeigt tatsächlich eine Gesichtsperformance des 1978 verstorbenen Avantgarde-Stummfilmstars Valeska Gert.

Diese „Jagd” führte Blase zwangsläufig nach Aachen. Denn Wolfgang Becker, der seit 1970 die Neue Galerie, den Vorgänger des Ludwig Forums, leitete, hatte sich diesem Medium schon früh verschrieben. „Als ich nach Aachen kam, war ich überrascht, welche Raritäten sich im Depot befinden”, gesteht auch Forums-Direktorin Brigitte Franzen.

Anlass genug für ein joint venture mit dem ZKM, eine Doppelausstellung. Den Teil „record > again!” mit über 60 Arbeiten betreut das Team aus Karlsruhe, den Abschnitt Videoarchiv mit Klassikern aus der Sammlung des Ludwig Forums kuratiert Anna Sophia Schultz.

Für die Ausstellungsmacher ist es aber nicht mit der Wiederentdeckung und Rettung verloren geglaubter Kunstwerke getan, die Präsentation muss stimmen. Eine Frage der Authentizität, zum jeweiligen Film gehört auch das zeitgenössische Abspielgerät. Und so füllen Dutzende von Röhrenfernsehern, Kugel-TVs und anderen technischen Raritäten die Räume des Ludwig Forums.

Die Doppelausstellung bis zum 17. Januar im Aachener Ludwig Forum zu sehen. Die Eröffnung ist am heutigen Freitag um 20 Uhr. Donnerstags um 18.30 findet jeweils ein Vortrag oder Künstlergespräch statt. Infos im Internet.