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Aachen/Wegberg: Pier-Prozess verzögert sich

Aachen/Wegberg : Pier-Prozess verzögert sich

Arnold Pier (52), angeklagter ehemaliger Chefarzt des Wegberger St.-Antonius-Krankenhauses, hat Strafantrag gegen die Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft wegen Verfolgung Unschuldiger gestellt.

Dies erfuhr unsere Zeitung aus Justizkreisen. Demnach wirft Pier der Ermittlungsbehörde vor, die Information über eine von ihm - in der Schweiz angelegte - hohe sechsstellige Summe an die Steuerfahndung weitergeleitet zu haben.

Damit hätten die Ermittler gegen die Bedingung verstoßen, unter der die Schweizer Bank die Information an die Staatsanwaltschaft gegeben habe. Die Anlage sei zudem dem deutschen Fiskus bekannt gewesen, heißt es.

Das von der Justiz als Fluchtgeld eingeschätzte Schweizer Guthaben nährte den Verdacht der Fluchtgefahr und hatte im April 2008 die halbjährige Untersuchungshaft des Arztes zur Folge.

Ungeachtet dessen wird sich die Eröffnung der Hauptverhandlung noch bis in das kommende Jahr hineinziehen. Die Schwurgerichtskammer setze sich „sehr eingehend” mit den Gegengutachten des Angeklagten auseinander, sagte ein Sprecher.

Pier fühlt sich nach seiner Entlassung „sehr angespannt und kämpferisch”, sagt sein Geilenkirchener Rechtsanwalt Thomas Verheyen.

Nach seiner bis 21. Oktober andauernden Untersuchungshaft bereite er sich auf die gerichtliche Auseinandersetzung vor, arbeite „intensiv alle Vorwürfe ab” und sei „weit davon entfernt aufzugeben”, sagte der 59-jährige Verteidiger auf Anfrage.

Insbesondere dem Eigentümer und Geschäftsführer der Klinik in einer Person, aber auch acht weiteren Mitbeschuldigten werden in einer 328 Seiten umfassenden Anklageschrift (Az. Js 1222/06) vorgeworfen, in drei Fällen Körperverletzung mit Todesfolge, in vier Fällen fahrlässige Tötung und in 60 Fällen Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung begangen zu haben.

Die halbjährige Haftzeit und der Umgang mit anderen JVA-Insassen habe die ehedem vielfach von Fernsehen gefragte mutmaßliche Medizinkoryphäe zur Erkenntnis gebracht, „dass es meinem Fall an der Klarheit von Sachverhalten wie Bankraub oder Drogenhandel fehlt”, so zitiert der Rechtsanwalt seinen Mandanten Pier und gibt ihm recht: „Wir haben es mit äußerst komplizierten Vorgängen zu tun. Täglich sterben Menschen in Krankenhäusern. Wenn man die Ursache jedes Mal prüfen würde, hätte man viel zu tun.” In Sachen Pier, davon ist Verheyen überzeugt, „wird in vielen Fällen überhaupt nichts herauskommen, in einigen wird man diskutieren müssen”.

Derweil deutet alles darauf hin, dass sich die Entscheidung über die Zulassung der Anklage und damit die Eröffnung des Verfahrens weiterhin in die Länge ziehen wird. Letztere war ehedem für Oktober 2008 avisiert. Jetzt geht das Schwurgericht Mönchengladbach von Ende Januar 2009 aus.

Das Oberlandesgericht Düsseldorf habe die Gladbacher Strafkammer angewiesen, sich mit den von Pier im September eingereichten Gegengutachten „sehr eingehend auseinandersetzen zu müssen”, sagte Landgerichtssprecher Joachim Banke dieser Zeitung: „Und das tut die Kammer derzeit, was Zeit kostet.”

Danach aber werden Verteidigung und Staatsanwaltschaft abermals Gelegenheit haben, das Ergebnis des Landgerichtes gutachterlich zu überprüfen und gegebenenfalls neue Expertisen fertigen zu lassen.

Zeit wird „in einem der größten Krankenhausskandale in der Geschichte der Republik” („Spiegel”) ohnehin zum wertvollen Gut: Auf „mindestens acht Monate” taxiert Pier-Verteidiger Verheyen die Dauer des Prozesses. „Wenn da zu jedem Sachverhalt zwei, drei Sachverständige auftreten, dann wird das dauern.”

Zudem wird sich Pier neben Verheyen mit dem Frankfurter Strafverteidiger Egon Geis und dem Berliner Ärztefachanwalt Rolf-Werner Bock auf die Anklagebank setzen - abgesehen von den acht weiteren Angeklagten zwischen 29 und 62 Jahren, die ebenfalls verteidigt werden wollen.