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Aachen: Pianist Martin Stadtfeld: „Mozarts Kanon wird verengt betrachtet“

Aachen : Pianist Martin Stadtfeld: „Mozarts Kanon wird verengt betrachtet“

Der 37-jährige Pianist Martin Stadtfeld hat sich in den vergangenen zehn Jahren international als einer der der führenden Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs etabliert. Von der ließ er sich für seine erste Einspielung mit selbstkomponierten Stücken inspirieren, die im Spätsommer erscheinen wird.

Vorher wird er als Gast-Solist den virtuosen Klavierteil von Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 450 im Rahmen des 5. Sinfoniekonzerts am 25. und 26. März im Aachener Eurogress spielen. Warum er sich dieses eher unbekannte Stück gewünscht hat und wie er mit seiner Kreativität dem polarisierten Klassikbetrieb trotzt, erzählt der im Ruhrgebiet ansässige Musiker im Gespräch mit Michael Loesl.

Herr Stadtfeld, man erlebt Sie auf Konzertbühnen oft als beinahe improvisierenden Pianisten, der gerne eigene Kadenzen in Partituren einbaut, um regelmäßigen Konzertbesuchern andere Wege in ein bekanntes Repertoire zu öffnen. Braucht das eher selten gespielte Klavierkonzert von Mozart, mit dem Sie in Aachen gastieren werden, solche Eigenwilligkeiten?

Stadtfeld: Dieses Konzert ist eher unbekannt. Es besitzt, selbst für Leute, die regelmäßig den Weg ins Konzert finden, sehr viele erfrischende Momente, weil man es schlicht nicht im Ohr hat. Es wird so gut wie nie gespielt, obwohl es eines der schönsten Klavierkonzerte von Mozart ist. Deswegen lasse ich darin nicht meine eigene Kadenz einfließen, sondern nutze die von Mozart.

Warum wurde Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 450 immer eher zögerlich aufgegriffen?

Stadtfeld: Das lässt sich vermutlich nur mit einer romantischen Verklärung der Klavierkonzerte Mozarts erklären. Das d-Moll-Konzert wurde romantisch überhöht, und das letzte Klavierkonzert in B-Dur wurde als Werk des Abschieds verklärt. Das ist natürlich Unsinn, denn Mozart war nicht mal krank, als er es schrieb. Das sind retrospektive Zuschreibungen, die dazu geführt haben, dass man jenes Konzert, das ich mir für meinen Auftritt mit dem Aachener Sinfonieorchester gewünscht habe, eher selten hört. Es ist auch kaum aufgenommen worden. Solche Banalitäten führen dazu, dass der Kanon eines Komponisten verengt betrachtet wird. Gerade in der Darbietung von Mozart bin ich bemüht, aus dieser Enge herauszukommen.

Apropos Banalitäten. Wie bemüht sind Sie, dem Oberflächlichen zu entkommen, mit dem der Klassikbetrieb denkt, sich schmücken zu müssen, um Musik überhaupt noch an die Frau oder den Mann bringen zu können?

Stadtfeld: Gute Frage! Das, was Sie ansprechen, wirkt wirklich oft wie eine Verzweiflungstat, die sich so darstellt, als ob man selbst gar nicht mehr an das glaubt, was man tut. Ich verstehe nicht, warum man Musik dergestalt aufpeppen muss, dass man sich einem vermeintlichen Massengeschmack anbiedert. Meine Plattenfirma lässt mich glücklicherweise nach meinem eigenen Gutdünken walten. Ich habe zunehmend mehr Freude daran, in mich zu hören und auch eigene Stücke zu veröffentlichen. Ohne marktgerechtes Brimborium.

Können Sie erklären, warum es der Klassikwelt mittlerweile wichtig erscheint, den Klimbim um die Musik herum aufzubauen, der in der Popwelt seit jeher obligat war?

Stadtfeld: Man hat in der Tat manchmal den Eindruck, dass mehr oder weniger wahre Begebenheiten aus dem Leben eines Künstlers medial bedeutender sind als die Ausdruckskraft einer Interpretation. Die Klassikwelt hat fraglos auch einen Minderwertigkeitskomplex. Man meint, auf die Mechanismen der Popwelt zurückgreifen zu müssen, um weiter zu bestehen.

Auf der anderen Seite wird darüber lamentiert, dass die Musik dem Untergang geweiht ist. Gibt es in diesem arg polarisierten Spannungsfeld zwischen Banalität und Untergangslust überhaupt noch Luft zum kreativen Atmen für einen Musiker wie Sie?

Stadtfeld: Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, dass die Luft dünner wird, würde ich mich ins Stilisieren des Lamentos einreihen, worauf ich, ehrlich gesagt, keine Lust habe. Ich musiziere trotz der beiden Pole. Wenn Musik ein Herzenswunsch ist, geht man viel gelassener damit um, wie sie letztendlich rezipiert wird.

Ist Ihre kommende CD „Hommage an Bach“, die im September erscheinen wird, entsprechend ein Resümee dessen, was Musik für Sie ist?

Stadtfeld: Unbedingt, es ist ein Zyklus von zwölf Stücken, die ich durch alle Tonarten geschrieben habe. Die Stücke nehmen immer wieder Bezug auf Formen, die durch Bach Berühmtheit erlangten, wie Präludium, Siciliano und Fuge. Die CD lehnt sich auch viel an Erinnerungen aus meiner Kindheit an.

Der Jazz-Pianist Brad Mehldau hat gerade eine CD mit Improvisationen veröffentlicht, die sich ebenfalls an Bach orientieren. Prompt rief die Kritik aus, dass es sich um eine Nischen-Platte handelt. Lebt es sich in der Nische nicht viel freier?

Stadtfeld: Retrospektiv kann man sagen, dass fast alles, was über die Jahrhunderte geblieben ist, aus einer Nische entstand. Wichtige Impulse zur Neuerung und zum Individualismus kamen immer von den Rändern. Wer wäre Bach als Komponist ohne seine Eigenarten gewesen?

Frank Zappa sagte mal, dass Fortschritt nur durch Abweichung von der Norm möglich sei.

Stadtfeld: Genauso ist es. Alles was relevant wurde, war immer erst mal eine Abweichung von der Norm, bevor es zur Norm wurde. Der Mut zur Originalität, zum Fortschritt, nimmt parallel zum massenhaften Abverkauf der elektronischen Geräte ab, die vorgeben, dass man sie kreativ nutzen kann. Handys, Tablets — diese Geräte gaukeln vor, dass wir sie kreativ nutzen können. In Wahrheit bieten sie aber nur starr vorgegebene Benutzeroberflächen, die nicht wirklich Spielraum für Kreativität und eigene Ideen zulassen.

Nun sind wir wieder beim Banalen.

Stadtfeld: Für mich ist es ein Alptraum, dass die elektronischen Geräte in Schulen eingeführt werden, womit das normierte Denken gefördert wird. Das alles wird dann unter dem beschönigenden Stichwort ‚Digitalisierungskompetenz‘ schmackhaft gemacht. Ich möch- te, dass mein Sohn lernt, wie man selber solche Oberflächen erschafft, wie man programmiert. Aber bitte nicht, wie man sich programmieren lässt. Wir brauchen nicht noch mehr Banalitäten. Weder in der Klassik noch im Alltäglichen.