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Köln: Pianist Ludovico Einaudi beschert dem Kölner Publikum magische Stunde

Köln : Pianist Ludovico Einaudi beschert dem Kölner Publikum magische Stunde

Und dann ist da dieser Moment der Stille in der weiten dunklen Arena. Im Schnittpunkt dreier Spots sitzt ein älterer Herr am Flügel, auf der Videoleinwand über ihm seine Hände, wie sie über die Klaviatur gleiten, ein Spitzentanz auf 88 Tasten.

Mal zärtlich streichelnd, mal träumerisch verspielt, dann wieder energisch fordernd, zaubern die Finger Töne wie Regenperlen hervor, die herabtropfen, über Blätter rinnen und zu Boden fallen, erst sachte, dann stärker, zu einem Platzregen anschwellen und langsam, ganz langsam wieder verebben. Eine Viertelstunde lang nimmt Ludovico Einaudi seine Zuhörer mit auf dieses hinreißende Solo, ein intimer Augenblick, den der Maestro teilt mit jedem Einzelnen seiner vielen Tausend Zuhörer.

Der 62-jährige Italiener ist der weltweit wohl unbekannteste bekannteste Pianist und Komponist. Wem der Name vielleicht nichts sagt, kennt aber vermutlich irgendeines seiner Stücke, etwa den Soundtrack zum Kinoerfolg „Ziemlich beste Freunde“. Was Einaudi schreibt und spielt, das landet zuverlässig auf Spitzenplätzen der Klassikcharts. Der sanftmütige, unprätentiöse Mann mit der markanten Hornbrille und dem lichten Haupthaar ist ein Solitär im zeitgenössischen Musikbetrieb — ein Klavier-Interpret für das Streaming-Zeitalter, was vielleicht erklärt, warum am Donnerstag so auffallend viele junge Leute in die Kölner Lanxess-Arena gekommen waren. Bei Spotify, immerhin, hat Einaudi deutlich mehr Follower als Mozart.

Der gebürtige Turiner, der auf dem familieneigenen Gut im Piemont lebt, durchstreift als Sammler die Gefilde von Neoklassik und neuer westafrikanischer Musik, von Klassik, Elektro-Pop und Dark Wave. Kondensiert ergibt das diesen so ganz eigenen Einaudi-Sound: eine Sequenz aus einer Handvoll Noten, die er perpetuiert und dabei stets ein klein wenig wandelt, die er verwebt zu einem Gespinst tonaler Gefühle, in einer gewaltigen Klimax zerreißt und sich schließlich auflöst lässt.

Eines seiner bislang 16 Alben heißt „Le Onde“, die Wellen, und wie die Brandung nach Lust und Laune mit den Kieseln spielt, so hält Einaudi es mit den Tönen: ein assoziative Spiel aus Erinnerungen, Erfahrungen, Erlebnissen, das sich am Ende zu einer komplexen Harmonie fügt. Pur, rein, minimalistisch, so mag er es. Was er weniger mag, das sind Etiketten. Doch wenn Minimalist ein anderes Wort für Eleganz und Offenheit sei, hat er einmal gesagt, „so möchte ich lieber Minimalist genannt werden als etwas anderes.“

Aber der detailverliebte Klangzauberer kann auch Bombast: dann haut er, unterstützt von seiner exzellenten Band mit Cello, Gitarre, Bass, Violine und Percussions, in die Tasten, dass es nur so dampft. Dann bebt die Bühne, vibriert die Luft, Nebel wabert, Blitze zucken und der Korpus des Cellos wird zur lodernden Flamme — gewaltig!

Bei allem, was Einaudi da veranstaltet, kehrt er seinem Publikum den Rücken zu, nicht als Zeichen der Abwendung, sondern weil er lieber seine Musiker im Blick hat — und die hergebrachte Sitzordnung vom stets seitlich platzierten Pianisten leid war. Aber dann, nach zwei magischen Stunden, erhebt sich der Meister von seinem Klavierhocker, verneigt sich tief und lange und legt die Hände zur asiatischen Dankesgeste zusammen. Und auch die Kölner Arena steht auf. Und jubelt.