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Aachen: Philosophieren, um sein Leben zu verstehen

Aachen : Philosophieren, um sein Leben zu verstehen

Philosophie ist die Fähigkeit, mit sich selbst zu verkehren. Diogenes, der in der Tonne, soll das überliefert haben. Wenn man nicht gleich einen Schrecken bei dem Gedanken kriegt, ausgerechnet mit sich selbst zu verkehren, kann man einmal darüber nachdenken.

Philosophieren heißt sterben lernen, schrieb der Renaissance-Philosoph Michel de Montaigne, als er noch jung war. In späteren Jahren fand er, dass der Tod nicht das Ziel sei, dass das Leben vielmehr seinen Sinn in sich selber haben müsse. Ein Widerspruch? Vielleicht. Auch darüber kann man reden, sich damit auseinandersetzen, sich fragen, was man denn selber meint.

Meist werden einem solche Fragen, für die man im Alltag keine Zeit meint erübrigen zu können, erst dann wichtig, wenn dieser Alltag nicht mehr funktionieren will, wenn wir einen ernsteren Konflikt, eine Krise haben, wenn wir trauern. Wer dann das Gespräch über den Partner und den Freundeskreis hinaus sucht, den Pfarrer nicht mehr für den richtigen hält, aber auch keine Veranlassung sieht, einen Psycho-Therapeuten aufzusuchen, der findet seit einigen Jahren einen weiteren Markt der Beratung vor.

„Philosophische Praxis” bieten mittlerweile an die hundert niedergelassene Philosophen quer durch Deutschland an. Man sucht sie auf in ihrer Praxis, manche kommen auch ins Haus oder gehen mit einem spazieren, und sie nehmen 50 bis 60 Euro die Stunde dafür.

„Wir machen keine Therapie. Unser Kunde ist ein Besucher, mit dem wir ein Gespräch auf Augenhöhe führen. Wir bieten keine Lösung. Wir helfen dem Gast, seine Gedanken und Begriffe zu klären, sich also selbst zu verstehen.”

In der Sprache von heute hätte Sokrates das vielleicht auch so formuliert, was Heidemarie Bennent-Vahle als Grundsituation der philosophischen Beratung umschreibt. Die 50-Jährige betreibt seit einem halben Jahr in Aachen und im grenznahen belgischen Henri-Chapelle eine philosophische Praxis.

Fragen, viele Fragen

Ihr wie allen praktischen Philosophen gilt Sokrates - der nicht vorgab, es besser zu wissen, durch unablässiges Fragen aber die verkannte Unwissenheit seines Gegenüber aufdeckte - als der Ahnherr einer Philosophie, die über den Menschen nachdenkt, nicht über Systeme. Wie dann die Stoa, die Epikuräer, und die neuzeitlichen Philosophen der Lebenskunst, von Montaigne bis Nietzsche, von Schopenhauer bis Wolfgang Schmid, und auf andere Weise Existenzphilosophen wie Kierkegaard, Jaspers, Buber oder auch Hannah Arendt.

Aus diesem Fundus, der einen auch lehrt, gewisse Umstände des Lebens als unabänderlich zu akzeptieren, schöpfen die praktischen Philosophen. „Jeder Mensch philosophiert, nur ist er sich dessen weniger bewusst.” Weswegen es auch keinerlei „philosophischer Bildung” bedarf, um sich mit einem Berufs-Philosophen zu unterhalten. Die kennen natürlich die Literatur, sind geschult, oder haben sogar, wie die an der RWTH Aachen promovierte Bennent-Vahle, eine professionelle Selbsterfahrung gemacht.

Geistige Brache

Doch über existenzielle Dinge reden sie so, dass man sie versteht, und, wenn es gut läuft, dass man sich angeregt fühlt, das Denken wieder aufzunehmen. „Ich glaube, dass viele psychische Probleme, auch Langeweile und Depression, mit dem Brachliegen von Geistigkeit zusammen hängen.”

Je nach der Art des Problems findet ein philosophisches Gespräch zwangsläufig im Grenzbereich zur psychologischen Beratung statt. Es ist dann eine Frage der Kompetenz und des Geschicks des Praktikers, den richtigen Weg zu finden. Anders als Bennent-Vahle haben einige der im Dachverband „Internationale Gesellschaft für Praktische Philosophie” (IGPP) organisierten Denker allerdings ein ziemliches Abgrenzungsbedürfnis zur Psychotherapie. Über die Fähigkeit, miteinander zu verkehren, haben beide Professionen noch zu diskutieren.