Aachen: Philip Roth: Ein Klassiker, und das schon zu Lebzeiten

Aachen : Philip Roth: Ein Klassiker, und das schon zu Lebzeiten

Das direkt am Anfang, damit ist die Angelegenheit dann aber auch erledigt: Jawohl, Philip Roth ist der Literaturnobelpreis versagt geblieben, und jawohl, er hätte ihn wie nicht viele verdient. Roth selbst hat immer gesagt, ihn habe das alljährliche Lamento darüber, dass die Jury ihn mal wieder übergangen habe, nicht sonderlich interessiert. Wir nehmen ihm das jetzt einfach mal ab.

Es passt so schön in das Bild eines gelassenen alten Mannes, der in seinem Appartment an der Upper West Side sitzt, den atemberaubenden Blick auf Manhattan genießt, Baseballspiele und Filme schaut, Freunde trifft und liest: Sachbücher und Biografien, kaum Romane. So hat Philip Roth seine Tage verbracht, seitdem er 2012 angekündigt hatte, er werde sich vom Schreiben zurückziehen. „Der Kampf ist vorbei“, hatte er sich damals auf einen gelben Zettel geschrieben und auf seinen Computer geklebt. „Jeden Morgen schaue ich auf diesen Zettel, und das gibt mir sehr viel Kraft“, sagte er.

Schon 2010 — damals erschien „Nemesis“, sein, wie sich herausstellen sollte, letzter Roman — habe er das Gefühl gehabt, dass seine beste Arbeit hinter ihm liege. „Jedes Talent hat seine Bedingungen, seine Beschaffenheit, sein Ausmaß, seine Kraft — nicht jeder kann für immer ergiebig sein.“ Die Kunst, im richtigen Moment aufzuhören: Roth hat auch sie beherrscht. Gelassen und ohne jede falsche Sentimentalität.

Wobei: Es gab Dinge, über die konnte er sich bis zuletzt aufregen. Trump zum Beispiel. Der sei „ein großer Betrüger, die üble Summe all seiner eigenen Unzulänglichkeiten, frei von allem außer der leeren Ideologie eines Größenwahnsinnigen“, hat Roth Anfang des Jahres in einem Interview mit der „New York Times“, das auch in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht wurde, gesagt. Beißender kann ein Urteil über den US-Präsidenten nicht ausfallen.

Diese Schärfe, gepaart mit einer fast ausgelassenen Lust an Ironie, Satire und Sarkasmus, das war die eine Seite seines Schaffens. Die andere war ein tödlicher Ernst, eine tiefe Melancholie. Die schimmerte vor allem in seinem Alterswerk durch, in dem er sich zunehmend und gnadenlos mit dem Verfall des Körpers, mit dem Verschwinden der Libido, mit den Plagen von Inkontinenz und Gedächtnislücken — also: mit dem nahenden Tod — auseinandersetzte. „Das Alter ist kein Kampf, es ist ein Massaker“, heißt es in dem 2006 erschienenen Roman „Jedermann“.

Schon 1991 hatte sich Roth in dem autobiografischen Roman „Mein Leben als Sohn“ diesem Thema genähert, in dem er das Sterben seines Vaters beschreibt. In diesem Buch spielt Roth keine Spielchen mit dem Leser; hier gibt es keine Täuschungen oder Hinweise, dass dem Autor nicht zu trauen wäre. Eine Ausnahme im Werk dieses Schriftstellers, der immer eine diebische Freude daran hatte, für möglichst große Verwirrung darüber zu sorgen, wie viel von ihm selbst in seinen Protagonisten steckt. In Nathan Zuckerman vor allem, der immer wiederkehrenden Figur, von dem alle Welt wie selbstverständlich annahm, er sei Roths Alter Ego. „Ich bin nicht Nathan Zuckerman!“, hielt der dagegen und bestand darauf, dass seine Romane nicht autobiografisch seien.

Auftritt mit einem Paukenschlag

Doch so einfach ist das nicht. „Nein, die eigene Geschichte ist keine abzulegende Haut — sie ist unausweichlich, Körper und Blut“, lässt Roth Zuckerman in „Die Prager Orgie“ sagen. „Man pumpt sie heraus bis man stirbt, mit den Themen des Lebens geäderte, stets wiederkehrende Geschichte, die zugleich deine Erfindung und die Erfindung deiner selbst ist.“ Und so ist Roths Versicherung, er sei ein amerikanischer Schriftsteller, der zufällig über Juden schreibe, nur die halbe Wahrheit. Denn selbstverständlich war das Jüdischsein ein prägendes Thema seiner literarischen Arbeit.

Philip Milton Roth wurde am 19. März 1933 als Sohn assimilierter Juden geboren und wuchs unter assimilierten Juden in einem Arbeiterviertel von Newark westlich von New York auf. Seine Großeltern waren mit der Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert in die USA gekommen waren. Roth studierte zunächst Jura, dann Literatur in Lewisburg und Chicago. Mit dem Kurzroman „Goodbye, Columbus“, als Buch ergänzt mit einigen Kurzgeschichten, betrat er 1959 die Literaturszene — ein Paukenschlag. Roth hatte den jüdischen Mittelstand aufs Korn genommen. Dafür erhielt er den National Book Award; konservative jüdische Kritiker beschimpften ihn jedoch als „Netzbeschmutzer“. Das wurde mit „Portnoys Beschwerden“, mit dem Roth 1969 der Durchbruch gelang, nicht besser. Der Roman ist eine einzige grelle Therapiesitzung, in der sich der 33-jährige Alexander Portnoy über seine von Schuldgefühlen gehemmten sexuellen Obsessionen auslässt — bis hin zu dem unsterblichen Satz „Ich habe das Abendessen meiner Familie gevögelt“.

Lust und Sex, die Unmöglichkeit, Familie und Judentum hinter sich zu lassen, Amerika und der Verrat an den amerikanischen Idealen: Das sind die großen Themen, die Roth in annähernd 30 Romanen, in Kurzgeschichten und Essays immer wieder durchgespielt hat. Er hat dabei einige unvergessliche literarische Figuren geschaffen: Zuckerman und Portnoy natürlich, den erotomanen jüdischen Literaturwissenschaftler David Kepesh, den sexbesessenen ehemaligen Puppenspieler Mickey Sabbath, aber auch Seymour Levov — genannt „der Schwede“ — in „Amerikanisches Idyll“, dem Lieblingsroman des Autors dieser Zeilen. Mit diesem hatte Roth 1997 eine „amerikanische Trilogie“ begonnen, die er im Jahr 2000 mit „Der menschliche Makel“ abschloss.

Es ist natürlich kein Zufall, dass dies alles Männer sind. Man hat Roth immer mal wieder Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Seine beiden Ehen endeten in Streit, Nervenzusammenbrüchen und gegenseitigen Vorwürfen. Roth hat diese Auseinandersetzungen in mehreren Romanen verarbeitet. Lange Jahre schrieb er vor allem in der Einsamkeit seines Hauses in Connecticut, das er zuletzt nur noch im Sommer nutzte. Die Wohnung in Manhattan war ihm in seinen letzten Lebensjahren lieber. Da war er schon zum Klassiker geworden.

Erst vor einem guten halben Jahr ist in der Library of American Edition „Why Write“ erschienen, eine Sammlung von Interviews, Gesprächen und literarischen Essays, die Roth in den 60er- und 70er Jahren geschrieben hat. Das Buch endet mit dem Satz „Hier bin ich“. Am Dienstag ist Philip Roth im Alter von 85 Jahren gestorben. Er wird zwischen den Buchdeckeln weiterleben.

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