Aachen: „Paulette“ im Grenzlandtheater: Oma dealt und backt Haschkuchen

Aachen: „Paulette“ im Grenzlandtheater: Oma dealt und backt Haschkuchen

Wenn Paulette und ihre Freundinnen am Ende hüftenschwingend zu „Could you be loved“ von Raggae-Urvater Bob Marley tanzen und das Publikum im Grenzlandtheater stehend mitklatscht, ist klar: Die Gangster-Komödie um die „Drogen-Omi“ ist gut ausgegangen. Die Bösen wurden verhaftet, die Beziehungen sind geglättet, die finanziellen Sorgen verschwunden.

Großes Amüsement macht sich breit nach der Premiere von „Paulette“ nach dem gleichnamigen Film von Jérôme Enrico, Bianca Olsen, Laurie Aubanel und Cyril Rambour am Dienstagabend.

Überhaupt nicht fröhlich startet die Geschichte allerdings. Paulettes finanzielle Möglichkeiten sind so reduziert wie das sehr gelungene Bühnenbild von Manfred Schneider (trostlose Fassaden von zahllosen Plattenbauten auf Fototapete, zwei Drehbühnen, die kaum mehr als Sitzgelegenheiten für die Figuren an verschiedenen Orten bieten). Nur noch der elegante Mantel erinnert an die ehemals erfolgreiche Geschäftsfrau.

Paulette ist nicht verzweifelt, sondern eher frustriert und verbittert. Schuld an ihrer Situation sind ihrer Meinung nach die Ausländer, die „Bimbos“ und „Japsen“, die sich in ihrem Viertel „breit machen“. Schimpfwörter der untersten Schublade kommen ihr leicht über die Lippen. Ihr Ausländerhass macht auch nicht vor ihrem Enkel halt, auch wenn ihr klar ist, dass er nichts für seine dunkle Hautfarbe kann. Er ist der Spross der Beziehung ihrer Tochter Agnès (Aline Hochscheid) mit dem dunkelhäutigen Polizisten Ousmane (Philip Bender), den sie penetrant Osama nennt. Einzig Pater Baptiste (eine weitere Rolle von Bender) bleibt trotz „falscher“ Hautfarbe unbeschimpft, denn dort muss sie ja ihre Sünden beichten.

Die Wende kommt mit ihrer Beobachtung jugendlicher Dealer, die dicke Goldketten und mehrere Handys ihr Eigen nennen und sich dicke Geldbündel überreichen. Paulette steigt ins Drogengeschäft ein, wird erfolgreiche Dealerin und schließlich zusammen mit ihren äußerst lebenslustigen Freundinnen Renée (Lena Sabine Berg) und Marie (Ilka Sehnert) Haschkuchen-Expertin.

Verbittert, aber nicht gebrochen

Renate Fuhrmann verkörpert mit Überzeugung die verbitterte, aber längst nicht gebrochene Paulette. Auch ihren Gemütswandel von der verarmten Rentnerin zurück zur erfolgreichen wie kampfeslustigen Geschäftsfrau voll-zieht sie glaubwürdig. Auch das restliche Ensemble liefert eine gute Gesamtleistung ab — zu den Genannten kommen noch Raphael Fülöp als Dealer Rachid und Polizist Fred, Berthold Schirm als Walter, der Paulette Avancen macht, hinzu sowie ein Kinderdarsteller als Enkel in wechselnder Besetzung. Für die Premiere hat Regisseur Uwe Brand hier eindeutig eine hervorragende Wahl getroffen.

Während es im ersten Teil der gut zweistündigen Inszenierung einige Längen gibt, nimmt die Geschichte nach der Pause an Fahrt auf: Paulette gerät erst mit Idriss (Anas Ouriaghli), der Nummer zwei des Drogengeschäfts, in Konflikt und widersetzt sich schließlich sogar ihrem Boss Vito (Manuel Bashirpour). Wenn sie dann mit Renée und Marie mit Maschinengewehr und Handtasche bewaffnet Vitos Domizil stürmt, um den entführten Enkel zu befreien, ist von der Tragik der Geschichte nichts mehr übrig. Alles löst sich auf in einen fröhlichen Tanz des zehnköpfigen Ensembles. Lustig, mehr leider nicht.

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