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Aachen: Paul Potts singt: Ein Auftritt mit allem, was die Stimmbänder hergeben

Aachen : Paul Potts singt: Ein Auftritt mit allem, was die Stimmbänder hergeben

Licht aus, Nebelkanonen an. Noch eilt Paul Potts ungesehen von vielleicht tausend Fans aus aller Herren Länder auf die Bühne, die inmitten der Albert-Vahle-Halle irgendwie allein herumsteht. Laut donnern aus Lautsprechern preisende Worte in die Logen, in denen die Leute mit dem großen Pferdeverstand und dem noch größeren Geld sitzen.

Paul Potts ist der Event des „All Nations Cup“, zu dem am Wochenende die Szene in die Soers gepilgert ist. Dann steht er im Rampenlicht. Der kleine, etwas pummelige Mann im schlecht sitzenden Anzug, dessen Stimme, sein Mut und sein Herz ihn weltberühmt gemacht haben. Paul Potts war „The Voice“ in der Castingshow „Britain’s Got Talent“, der Handyverkäufer mit den einst so schiefen Zähnen und der irgendwie unvergleichlichen Tenorstimme, mit der er Puccinis „Nessun dorma“ in die Welt hinausposaunte — und Millionen Fernsehzuschauer zu Tränen rührte. Das war vor zehn Jahren.

Immerhin, man kann nicht meckern. Wie er da so ungeschützt breitbeinig vor dem Mikrophon steht und mal wieder das „Nessun dorma“ zur Sound-CD in Richtung VIP-Lounge schmettert, das hat was. Nicht gerade große Kunst — für die sind andere Leute da im Klassik-Geschäft. Aber fürs internationale Großereignis in der Albert-Vahle-Halle ist der 46-jährige Mann aus Bristol eine ziemlich große Nummer.

Gregor Aymar, einer der wichtigen Leute in der neu gegründeten Aktiengesellschaft namens European Breeders Trust hat ihn für dieses Wochenende engagiert. Am Samstagabend war er das Ereignis bei einer Charity-Auktion, auf der nicht nur Pferde, sondern auch Embryonen versteigert wurden. Dabei fielen für die Stadt immerhin 107.000 Euro für wohltätige Zwecke ab. „Ich suchte was fürs Gänsehaut-Feeling“, sagt Aymar. Deshalb Paul Potts.

Also mal wieder das finale „Vincera!“ mit zusammengepressten Augen, die dem Hochdruck des Atmungsapparats standhalten müssen. Die Strahletöne, die die Lautsprechermembranen an ihre Grenzen bringen. Dunkle Fliege, knallrotes Einstecktuch, Lackschuhe, die ein Hauch von Manege mattieren. Mit ganzem Körper, mit allem, was die Stimmbänder hergeben. Sternenspuckende Pyrotechnik. Farbige Laser wölben einen Dom über dem Mann im Spot, malen Muster in den Sand.

Über den ist eben noch Marwan Al Shaqab galoppiert, ein Wunderhengst mit siebenstelligem Euro-Wert, dessen eine Samenportion eine Züchterin aus Frankreich eben für schlappe 30.000 Euro ersteigert hatte. Sein Tänzeln an den Logen war eine weit emotionalere Show: Die Augen der Menschen glänzten bei der Möglichkeit, dem edlen Tier über die Nüstern zu tätscheln. Paul Potts verlässt die Halle leise, unbeachtet. Das Publikum fiebert nach Pferden.

Paul Potts neue CD „On Stage“ (Sony Music) kommt am Freitag in die Regale. „Nessun dorma“ ist darauf nur eine Randerscheinung. Potts singt hauptsächlich Tenorpartien aus Musicals, die ihm immer schon am Herz lagen. Und er macht das sehr ehrenwert.