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Aachen: Panikattacken isolieren den Menschen

Aachen : Panikattacken isolieren den Menschen

Karla B. saß in ihrem Auto, als es passierte. Rasendes Herzklopfen, Atembeschwerden, Schweißausbrüche. In letzter Not rettete sie sich in die Ambulanz eines Krankenhauses. Doch der behandelnde Arzt konnte keine körperlichen Krankheiten feststellen, keinen Herzinfarkt, wie sie vermutete: „Sie sind völlig gesund”.

In der Folge traten diese Symptome immer häufiger auf, auch in der U-Bahn, am Arbeitsplatz und im Supermarkt. Für Karla B. begann eine jahrelange Odyssee durch viele Arztpraxen. Sie verlor schließlich ihren Arbeitsplatz, zog sich völlig zurück, brach soziale Kontakte weitgehend ab.

Karla B. ist kein Einzelfall. Sie ist weder verrückt noch eine „Simulantin”, sondern leidet wie rund drei Prozent der Deutschen an einer sogenannten Panikstörung.

„Wenn man diese Krankheit nicht behandelt, entwickelt sich ein Teufelskreis”, meint Professor Dr. Tilo Kircher, Leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Uniklinikum. Wenn körperlich gesunde Patienten plötzlich glauben, einen Schlaganfall zu bekommen, Todesangst haben oder befürchten, den Verstand zu verlieren, dann hat bei ihnen die Angst ihre ursprüngliche Funktion verloren, vor Gefahren zu warnen.

Tilo Kircher und Siegfried Gauggel, Professor und Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie, behandeln diese Störung in ihrer im April gegründeten psychotherapeutische Ambulanzstation nicht mit Medikamenten, sondern in den meisten Fällen mithilfe zweier Therapien. In diesen werden die Patienten mit ihrer Angst konfrontiert, müssen sich also subjektiv empfundenen Gefahrsituationen aussetzen. In der einen Behandlungsart ist darin anfänglich ein Therapeut anwesend, in der anderen ist der Patient auf sich allein gestellt.

Die Professoren versuchen in einer gemeinsamen Studie mit den Universitätskliniken in Berlin, Münster, Würzburg, Greifswald und Dresden herauszufinden, welcher der beiden Ansätze der Erfolg versprechendere ist.

„Wir wollen, dass der Patient wieder selbständig wird”, so sagt Siegfried Gauggel, und in sein normales Leben zurückfindet. In der Regel dauert eine Behandlung acht Wochen mit jeweils zwei Stunden. „Danach sind die Menschen allerdings oft immer noch für Panikattacken empfänglich”, erläutert der Wissenschaftler, schließlich könne man nicht erwarten, dass eine oft Jahrzehnte andauernde Störung in so kurzer Zeit völlig verschwinde. Doch in 70 bis 80 Prozent der Fälle sei eine Therapie erfolgreich, wenn keine anderen Begleiterkrankungen oder Phobien vorhanden sind.

Die Ursache für die Panikstörung liege einerseits in einer genetischen Veranlagung, so erklärt Tilo Kircher, andererseits müssen bestimmte auslösende Momente hinzukommen. Typische Beispiele dafür seien Mobbing, drohender Arbeitsplatzverlust, Stress, Probleme in der Familie, Gewalt. Oder aber sogenannte aversive Erfahrungen, zum Beispiel das Steckenbleiben in einem Fahrstuhl.

Doch jeder Mensch ist unterschiedlich, mancher hält mehr aus als ein anderer - trotz einer genetischen Veranlagung, die die Panikattacke begünstige, erläutert Gauggel.

Über ihre Studie möchten sie auch den Krankenkassen gegenüber deutlich machen, dass eine aufwändige Therapie zu einem länger anhaltenden Therapieerfolg führt. Psychologische Störungen haben in den letzten vier Jahren um 50 bis 60 Prozent zugenommen, die dadurch verursachten Schäden seien volkswirtschaftlich relevant. „Das ist im Bewusstsein der Bevölkerung und in der Gesundheitspolitik aber noch nicht angekommen”, so Kircher.