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Aachen: Ottenthals neue Heimat ist in China

Aachen : Ottenthals neue Heimat ist in China

In den 90er Jahren schrieb der Mann ein starkes Stück Geschichte des Theater Aachen, führte die Ganzjahresspielzeit ein, brachte jährlich ein Sommermusical zur Uraufführung - und hinterließ nach seinem Wechsel zum Berliner Theater des Westens ein renoviertes Haus und 11,5 Millionen Mark Rücklagen.

Jetzt kehrte der damalige Generalintendant Elmar Ottenthal aus seiner neuen Heimat Peking für ein paar Stunden zur Verabschiedung des befreundeten Aachener Dramaturgen Lukas Popovic an seine alte Wirkungsstätte zurück.

Das Leben, so auch sein unfreiwilliger Abgang Ende 2001 in der Hauptstadt, hat Spuren hinterlassen. Etwas grau ist der 57-jährige Österreicher geworden - seine Verschmitztheit hat er nicht verloren. „Als gelernter Fotograf bin ich zu meinen Wurzeln zurück gekehrt”, berichtet Ottenthal von großen Fotoausstellungen in Shanghai und im Kunsttempel „Area 798” von Peking, der Stadt, in der er seit drei Jahren lebt.

In seiner Arbeit sieht er sich in der Tradition des chinesischen „Dao” („der Weg”), aus dessen Polaritäten Yin und Yang entstanden. Die auf 2,60 Meter mal 1,20 Meter aufgezogenen Bilder würden immer wieder eine Frage beantworten: „Was ist Wahrheit, was Fiktion?”

Unterricht für junge Sänger

Eine spannende Gegenüberstellung, die den Regisseur von mehr als 80 Produktionen ein langes Theaterleben lang begleitete. Von dem kann er auch in China nicht ganz lassen: „Ich unterrichte junge Opern- und Musicalsänger, die in diesem Land auch eine großartige tänzerische Qualität haben.” An deren Defizit, der mangelnder Emotionalität bei der Präsentation, arbeite er „mit großer Freude”.

Ottenthals Biografie bleibt schillernd. Einst Regisseur an der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Teatre del Liceu in Barcelona. Dann in Aachen und Berlin mit der Entwicklung von sechs Musical-Uraufführungen (darunter „Gaudi”, „Falco meets Amadeus”, „Blood Red Roses”) von über drei Millionen Besuchern umjubelt - jetzt allein in China.

Von seiner koreanischen Frau und den beiden Kindern lebt der gebürtige Innsbrucker getrennt: „Aber wir stehen in guter Verbindung.” Was trieb ihn ins Reich der Mitte? „Ich war 2003 schon dort. Mich begeistern die Offenheit der Menschen, ihre Kultur der Freundschaft.” Fasziniert ist er vauch on der über 5000-jährigen Kultur, der der Westen überheblich begegne würde: „In China kennt man Schiller. Aber wen kennen wir aus Chinas Geschichte?”

Und wie denkt Ottenthal an seine Zeit in Aachen zurück? „Aachen war für mich Familie. Nicht nur persönlich, weil dort meine Kinder geboren wurden, sondern auch beruflich, weil das Haus doch überschaubar war.” Wobei sich der einstige Intendant einen Seitenhieb auf die damaligen Auseinandersetzungen nicht verkneifen kann: „Ich bleibe dabei: Die Theaterstrukturen sind nicht richtig ausgesteuert. In Häusern wie in Aachen wird die Kunst der Vergangenheit und nicht der Gegenwart subventioniert.” Er habe ja „damals einiges in Bewegung gebracht”, aber „leider nicht zu Ende führen können”.

„Auf absehbare Zeit” werde er in China bleiben, sagt der Auswanderer, der sich darüber wundert, „wie schnell sich Deutschland verändert hat”. Hierzulande würde man Freiheiten aufgeben, für deren Durchsetzung manche Chinesen „die Todesstrafe riskieren”. Ottenthal: „Wer lange Zeit fort gewesen ist und zurückkehrt, wundert sich, wie perfekt die Überwachungsmechanismen in Deutschland geworden sind und wie sehr sich die Leute damit abgefunden haben.”

Er brachte „Gaudi” zur Uraufführung

Elmar Ottenthal (57) war von 1992 bis 1999 Generalintendant des Theater Aachen. In seiner Ära entstanden die Sommermusicals, allen voran der von ihm zur Uraufführung gebrachte Kassenschlager „Gaudi”.

Nach dem Wechsel ans Theater des Westens führte er den Erfolg „Falco meets Amadeus” fort, bevor er mit Konstantin Weckers Musical „Schwejk it easy” floppte und im Finanzstreit mit dem Berliner Senat Ende 2001 entlassen wurde.