Aachen: „Othello” Open Air: 100 Minuten raufen, küssen, lieben, leiden

Aachen: „Othello” Open Air: 100 Minuten raufen, küssen, lieben, leiden

Da ist also plötzlich einer, ein Fremder, der alles kann und alles bekommt: Er ist überaus erfolgreich als Feldherr, kann brillant erzählen und ergattert das Herz der beliebten Senatorentochter. Und er ist schwarz.

Auf Othello vereinen sich Neid und Hass. Jago, sein Fähnrich, sein vermeintlicher Freund, intrigiert gegen ihn. Am Ende tötet Othello im falschen Wahn Desdemona, seine Frau, erkennt - zu spät - die bittere Wahrheit und richtet sich selbst.

So weit die bekannte Geschichte um den Mohr von Venedig, wie William Shakespeare sie vor rund 400 Jahren schrieb. Dass der alte Stoff noch immer aktuell und hochspannend ist, zeigt das Aachener Das Da Theater mit seiner Open-Air-Inszenierung auf der Burg Frankenberg. Regisseur und Intendant Tom Hirtz hält sich weitestgehend an die Vorlage - das Ende ist ein kleines bisschen direkter und knackiger.

Dem Publikum gaukelt Hirtz zu Beginn Distanz zum Stück vor, indem er Othello (Jens Eisenbeiser) sichtbar neben der Bühne schwarz schminken lässt. Aha, da steht also ein Schauspieler. Diesem Berg von einem Mann, selbstbewusst, kriegerisch, himmelhochjauchzend verliebt, gibt er, um die Illusion stärker zu machen, einen afrikanischen Akzent mit, der zu Beginn wie eine Parodie auf Howard Carpendale wirkt, an den man sich aber im Laufe der Handlung gewöhnt.

Zu packend ist das Geschehen, als dass man sich davon, von Vogelgezwitscher oder Hundegebell aus dem Park stören ließe. Da ist Jago, von Raphael Fachner ohne Pomp, reduziert aufs Wesentliche gespielt, der nicht verwindet, bei der Beförderung übergangen worden zu sein. Othello muss weg, dafür ist ihm jeder Betrug gerechtfertigt. 100 Minuten gibt Hirtz seinem Ensemble, in denen Jago Othello vom erfolgreichen General in einen zweifelnden Ehemann und schließlich in eine vor Eifersucht tobende Mordgestalt verwandeln kann. In diesen 100 Minuten wird gerauft und gekämpft, gefeiert und gesungen, geküsst und gemordet, geliebt und gelitten, dass die Zeit nur so verfliegt.

Bei aller darstellerischen Leistung sind nicht die neun Schauspieler die Stars des Abends: Das ist eindeutig die Bühne von Frank Rommerskirchen. Siebeneinhalb Meter breit, achteinhalb Meter hoch, so hat das Das Da Theater eine dreigeschossige Gerüstkonstruktion in den Innenhof der Burg gewuchtet. Neun große Jalousien unterteilen die Vertikalbühne in Segmente, die blitzschnelle Schauplatzwechsel ermöglichen, die drinnen und draußen, oben und unten - sowohl räumlich als auch hierarchisch als auch seelisch - sofort sinnfällig erscheinen lassen.

Jalousie hoch, Vorhang auf, schon ist das Publikum mittendrin in Venedig, im Schiff, auf Zypern. Doch am Ende, als Othello Desdemona (Rebecca Selle) ermordet, bleibt die Jalousie unten. Othello verstellt nur die Lamellen, man blickt quasi durch Vorhänge ins Schlafzimmer: Der Zuschauer wird zum Voyeur eines Mordes. Und da greift Hirtz schließlich in Shakespeares Drama ein: Dass Jago, nachdem er seine Frau Emilia (Nicole Gütling) erstochen hat, nur verhaftet wird, reicht ihm nicht. Othello darf noch Rache üben, bevor auch er sterben muss.

Von der romantischen Burg-Atmosphäre bleibt bei dieser riesigen Bühne wenig übrig. Aber als romantische Liebeskomödie hatte Shakespeare seinen „Othello” ja auch nicht angelegt. Herzlicher, langer Applaus der Premierengäste, die Jens Eisenbeiser, Raphael Fachner und Nicole Gütling in ihren letzten Rollen für das Das Da Theater erlebt haben. Die drei beliebten Schauspieler scheiden in der kommenden Spielzeit aus dem Ensemble aus.

Termine: bis 29. Juli täglich außer montags, 21 Uhr. Karten: Tel. 0241/161688.

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