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Aachen: „Ostwärts“ im Ludwig Forum: Besondere Ausstellung zum Gedenkjahr

Aachen : „Ostwärts“ im Ludwig Forum: Besondere Ausstellung zum Gedenkjahr

25 Jahre Mauerfall — das nimmt auch das Aachener Ludwig Forum nun zum Anlass, mit einem eigenen Beitrag das Gedenkjahr zu begehen. Und was böte sich dabei wohl besser an, als den damals visionären Blick der Namensgeber des Hauses, Peter und Irene Ludwig, ins rechte Licht zu rücken?

„Ostwärts — Freiheit, Grenzen, Projektionen“ heißt die Ausstellung von Kunst, die in einem Zeitraum von den 20er bis zu den 90er Jahren in der ehemaligen Sowjetunion und ihren „Bruderstaaten“ entstanden ist. Das reicht von linientreuer Staatskunst bis zu kritischen Bildern von Dissidenten — allesamt Werke, die Peter Ludwig durch den Eisernen Vorhang hindurch in den Westen, nach Aachen und Köln, gebracht hatte, da wagte von dessen Öffnung noch niemand zu träumen.

Die Kosmonauten als Helden der Nationen: Auch dieses pathetische Bild von Jurij Korolev von 1982 gehört zu der Ausstellung „Ostwärts“ im Aachner Ludwig Forum.
Die Kosmonauten als Helden der Nationen: Auch dieses pathetische Bild von Jurij Korolev von 1982 gehört zu der Ausstellung „Ostwärts“ im Aachner Ludwig Forum. Foto: Michael Jaspers

Skulptur von Michael Dean

Der Bogen wird dabei bis zur Ausprägung zeitgenössischer Kunst in einem ehemaligen Teilstaat der Sowjetunion geschlagen: mit Videos der kasachischen Künstlerin Almagul Menlibayeva. Mit drei halbdokumentarischen, zum Teil emotional aufgeladenen, erzählerischen Bildern ihrer Video-Installationen fängt sie die sozialen und ökologischen Veränderungen ihres Landes ein. Der fast ausgetrocknete Aralsee, verwüstete Landschaften — die kritische Sicht der Künstlerin richtet sich auf die missliche Gegenwart ebenso wie auf die nomadische Tradition und Geschichte ihrer Heimat, zumal aus der Perspektive junger Frauen.

Damit aber nicht genug: Als dritte der am morgigen Sonntag eröffneten Ausstellungen präsentiert die Kunststiftung NRW zu ihrem 25-jährigen Jubiläum ein Geschenk an das Ludwig Forum: eine Skulptur des in London lebenden Künstlers Michael Dean.

Die Vorgeschichte: 25 internationale Künstler hatten von der Kunststiftung NRW den Auftrag erhalten, für jeweils eines von 25 ausgewählten städtischen Museen in Nordrhein-Westfallen ein individuelles Kunstwerk zu kreieren. Michael Dean wurde für das Ludwig Forum ausersehen.

Das Ergebnis wird am Sonntag erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt: Schwarze Zungen aus Beton, dem menschlichen Organ nachgeformt, klammern sich in einem weißen Raum an den Wänden, hängen schlapp herab oder züngeln neugierig nach oben. In der Mitte: ein Stuhl mit einem wie angesengt wirkenden Buch und einem Zungenhaufen darauf. Titel des Ganzen: „Ha ha ha ha ha ha.“ Der Besucher wird also jetzt mit einem Lachen empfangen. Das Miteinander-Sprechen in einem „diskursiven“ Forum wie diesem, außerdem die keineswegs immer eindeutige Bedeutung des Lachens — und das nicht nur in Konfrontation mit zeitgenössischer Kunst: All das mag Michael Dean nach den Worten von Barbara Könches und Stephanie Seidel von der Kunststiftung NRW zu seinem Werk inspiriert haben.

Während das Museum Ludwig in Köln mit der Ausstellung „Ludwig goes Pop“ gerade den Blick noch einmal nach Westen richtet, versammelt das Aachener Ludwig Forum die entsprechenden Teile der weltberühmten Sammlung in Richtung Osten und erinnert damit auch an die Geschichte der einmaligen Kollektion und den missionarischen Impetus, der dahinterstand.

Im „Spiegel“ heißt es am 1. März 1982: „Der Aachener Schokolade- und Kunst-Tycoon Peter Ludwig hat in sowjetischen Ateliers eingekauft, nach Gewohnheit gründlich. Diese Woche wird die Ausbeute in Moskau gezeigt, später in Köln. Ludwig, der seinen Erwerb als ‚kulturpolitische Aktivität‘ versteht, ist der Meinung, die Bilder seien westlicher Malerei ebenbürtig.“ Die Kritik rümpft bestenfalls die Nase, aber Ludwig lässt sich nicht beirren. Türöffner in Moskau und Leningrad ist für ihn der Sowjet-Botschafter in Bonn, Wladimir Semjonow, gleichfalls leidenschaftlicher Kunstsammler.

Aus dem Fundus von 1982

Ludwig kennt keine Tabus — weder in ästhetischer noch ideologischer Hinsicht. Dass Kunst nur in Freiheit gedeihe — dem entgegnet er mit dem Einwand „westlicher Einäugigkeit und Hochnäsigkeit“ und kauft munter weiter ein. Mit einem Verständnis von „Weltkunst“ im Hintergrund und der Vorstellung von der gleichberechtigten Koexistenz aller Kunstrichtungen und geografischen Regionen. Eine Sichtweise, die sich wohl immer wieder selbst kritisch befragen und behaupten musste.

„Ostwärts“ schöpft im Wesentlichen aus eben jenem 1982er-Fundus. Darunter befindet sich ein noch nie veröffentlichtes Werk von Boris Nemenskij von 1961, das in russischen Museen nie gezeigt werden durfte: „Namenlose Höhe“ heißt das Bild — eine ergreifende Momentaufnahme nach der Schlacht: Zwei Soldaten, Jungen noch, ein deutscher und ein russischer, liegen tot nebeneinander auf dem Boden, fast wie zwei Freunde, sich im letzten Moment der Existenz noch einmal berührend. „Soldaten sind Menschen, denen Ideologien beigebracht wurden und die nicht damit geboren wurden“, sagt der 1922 geborene Künstler selber dazu. Solche Bekenntnis-Kunst mag heute weder dem Geschmack noch dem modernen Verständnis von Kunst entsprechen — aber diese Kraft des Bildes, die sagt einem doch was . . .

„Der Übergang“, jenes berühmte Strichmännchen des gebürtigen Dresdeners A.R. Penck auf einem brennenden Seil über dem Abgrund, wie der von Ost nach West, leitet die Ausstellung ein, konfrontiert mit Werken des in Jena geborenen Werner Büttner, der kurz vor dem Mauerbau 1961 nach München übersiedelte und in den 80ern einer der Protagonisten der westdeutschen „Neuen Wilden“ wurde. Deutsch-deutsche Kunstgeschichte, hier authentisch nachvollziehbar.

Vom ostwärts verheißungsvoll und kritisch zugleich blickenden Lenin aus den 20er Jahren bis zu den Versuchen, den staatlichen Pressungen in Russland individuell auch über religiöse Themen zu entkommen, reicht das Spektrum der ausgestellten Werke.

Ein reichhaltiges Rahmenprogramm begleitet die Ausstellungen, angeführt von der Initiative „Europäische Horizonte“, die in Veranstaltungen und Veröffentlichungen zentrale Zukunftsfragen Europas erörtert. Sie bietet ab dem 20. November eine ganze Reihe von Vorträgen im Ludwig Forum an, beginnend mit dem Vortrag „Die Ludwigs im Osten — das Aachener Sammlerpaar erkundet den Kunstmarkt“ von Heinz Bude (18.30 Uhr), Professor am Lehrstuhl für Makrosoziologie an der Universität Kassel.