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"Organspende hat kein gutes Image"

"Organspende hat kein gutes Image"

Aachen (an-o) - Die meisten Deutschen sind für das Organspenden, aber die wenigsten tun es. Während man in Belgien nicht länger als zwei Jahre auf eine Transplantation wartet, muss man sich in Deutschland sechs bis acht Jahre gedulden. Wenn man noch so lange lebt.

Man muss nicht auf das Matterhorn steigen, wenn man eigentlich schon mal fast tot war. Doch offenbar kann man sogar das mit einem tranplantierten Herzen leisten, wie jüngst eine 42-jährige Amerikanerin bewies, die seit acht Jahren mit dem gespendeten Organ lebt. Trotz aller Einschränkungen und lebenslanger Medikamente: Für die meisten Empfänger von Organen ist die Spende ein Segen, der ihr Leben um Jahre und Jahrzehnte verlängert.

Besonders Nierenkranke fühlen sich wie neu geboren, befreit von der ständigen und nur teilweise entgiftenden Blutwäsche. 2325 Nieren wurden im vergangenen Jahr in Deutschland transplantiert. Fast 10.000 Patienten aber warten auf eine Operation.

100 auf der Warteliste

Die Warteliste "Nieren" im Uniklinikum Aachen umfasst rund 100 Namen und reicht bis 1991 zurück. Das sind die Patienten mit Blutgruppe Null, die immer die schlechtesten Chancen haben. "Zur Zeit arbeiten wir gerade die Jahrgänge 1996/97 ab", berichtet Armin Homburg (54), der die Nierenübertragungen in der Uniklinik koordiniert, 20 Operationen im Jahr. "Die Lage ist dramatisch", bestätigt Dr. Homburg den jüngsten Alarmruf der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). "Im vergangenen Jahr sind von unserer Warteliste fünf Patienten gestorben, fünf haben aufgegeben." Mit zwölf Spendern auf eine Million Einwohner liegt Deutschland ganz unten, noch hinter den Niederlanden und Großbritannien.

Am spendenfreudigsten sind die Spanier (34 je Million), die Österreicher und die Belgier. Während man das für Belgien noch damit erklären kann, dass eine Organentnahme erlaubt ist, wenn man ihr nicht widerspricht (was nur zwei Prozent tun), gilt in Spanien ein ähnliches Gesetz wie bei uns: Man muss einen Spendeausweis besitzen. Den haben hier aber nur zwölf Prozent.
Oder die Angehörigen des gerade Verstorbenen müssen zustimmen, was aber viele überfordert. Über die Hälfte sagt dann nein. "Das ist das größte Problem in Deutschland, dass über Organspende in den Familien offenbar nicht geredet wird, und die Angehörigen dann plötzlich damit konfrontiert werden", sagt Privatdozent Markus Ketteler (41), Oberarzt der Medizinischen Klinik II und für die Nachsorge der Nieren-Transplantierten zuständig.

"Das Thema ist in Deutschland zu Tode diskutiert worden. Organspende hat hier einfach kein positives Image." Homburg und Ketteler können auch nur vage den Widerspruch erklären, dass Zweidrittel der Deutschen für Organspende sind, aber nur so wenige es tatsächlich zulassen.

Eine klar erkannte Schwachstelle gibt es: Krankenhäuser mit Intensivstation sind verpflichtet, jeden Hirntoten zu melden. Daran hält sich aber nur gut ein Drittel. "Aus Zeitmangel", vermutet die DSO. Sanktionen gibt es nicht. Rund 5000 mögliche Organspender sterben in deutschen Krankenhäusern jährlich. Davon werden nur 50 Prozent gemeldet, wovon wiederum die Hälfte nicht als Spender geeignet ist, oder die Angehörigen lehnen ab.

Christlich ist das jedenfalls nicht. Der Papst hat Organspenden vor drei Jahren ausdrücklich als "Akt der Nächstenliebe" bezeichnet. "Das stand aber in den deutschen Zeitungen nur ganz hinten in einer kleinen Meldung", erinnert sich Dr. Ketteler, leicht resigniert.