„Orchester hautnah“ in Aachen

Aachen: „Orchester hautnah“: Zuschauer und Musiker kommen sich näher

Wie klingt denn das? So nah an der Querflöte, neben dem Fagott, hinter der Violine, vor dem Cello? Justus Thorau, kommissarischer Generalmusikdirektor am Theater Aachen, hat sich etwas einfallen lassen. „Wir machen gern mit“, versichert Orchestervorstand Arnd Sartor. „Spannend, ein echtes Experiment.“

Das Motto lautet „Orchester hautnah“. Erstmals wird am kommenden Freitag, 1. Dezember, 19 Uhr, das Aachener Eurogress umgeräumt sein — keine Stühle im Halbrund auf der Bühne samt Dirigentenpult, dafür im Parkett ein großer Kreis mit Plätzen für Orchestermitglieder und Zuschauer, komplett gemischt.

630 Interessierte haben die Gelegenheit, dem Orchester, das sie sonst nur aus der Ferne sehen und hören, so nah wie noch nie zu kommen — eben „hautnah“. „Wir wollen für neue Höreindrücke sorgen, die Menschen an unserer Arbeit teilhaben lassen“, sagt Thorau. Die Idee zur ungewöhnlichen Begegnung hatte er bei einer ähnlichen Aktion im Berliner Konzerthaus. „Selbst da war das für alle neu“, sagt der Dirigent, der selbst in der Mitte stehen wird.

Aufgeführt wird an diesem ersten Abend die Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 95 „Aus der neuen Welt“ von Antonín Dvorak. Das Werk eigne sich in seiner Vielfalt sehr gut, betont Thorau. „Viele kennen die Sinfonie, das macht das Hörerlebnis noch reizvoller“, meint er.

Selbst für die Orchestermitglieder wird es ungewohnt sein, nicht mehr die übliche Nachbarschaft zu haben. „Wir sitzen ja normalerweise eng beieinander“, erklärt Arnd Sartor. „Nun nehmen wir unser Umfeld akustisch neu wahr, die Einzelnen haben einen anderen Hörwinkel.“ Und die Zuschauer? Werden sie nicht stören oder die Musiker irritieren? Da sind die Planer unbesorgt, zumal durch die Kammerkonzerte im Spiegelfoyer die Nähe zum Zuschauer erfolgreich geübt wurde. Und wenn mal ein Ton daneben geht, ist selbst das eine reizvolle Erfahrung. Musikeralltag eben.

Was kann man sonst noch mitten im Orchester erfahren? Zum Beispiel, dass die Pausen in einem Musikstück wichtig sind und Energie sowie höchste Konzentration dazugehören, im richtigen Moment wieder einzusetzen — die Partitur im Blick, die Musik im Ohr. „Das Becken hat bei Dvoraks Sinfonie zum Beispiel nur einen einzigen Einsatz — aber der muss stimmen“, sagt Thorau. Wer sitzt in der großen Runde wo? Da herrscht freie Platzwahl, doch man darf Wünsche äußern. Und überall stehen Helfer, die ansprechbar sind und das Publikum „sortieren“.

Thorau selbst sieht dem Ganzen gelassen entgegen. „Ich denke nicht, dass es mich stört, wenn man mir und den anderen genauer auf die Finger schaut!“