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Aachen: Operntraining mit Tai-Chi und Tango

Aachen : Operntraining mit Tai-Chi und Tango

Die erste Probe war ein kleiner Schock. Das gibt Linda Ballova unumwunden zu. Vielleicht lag es an der deutschen Sprache, die die Sängerin aus Bratislava nicht so perfekt beherrscht. Mittlerweile kommt die 32-Jährige mit der „Mischmasch-Language“, also der Sprach-Mixtur aus Deutsch und Englisch, auf der Probebühne sehr gut klar. Aber am Anfang war einfach alles neu, denn die Sopranistin gibt als Gast am Theater Aachen ihr Deutschland-Debüt.

Neu war für sie auch die Sicht auf eine Oper, die sie schon als Kind so oft gehört und gesehen hat: Antonín Dvoráks Nixen-Tragödie „Rusalka“ aus dem Jahr 1900 gilt als tschechische Nationaloper. Linda Ballova kannte „alte, traditionelle Aufführungen“ — wohl etwa in der Art, wie sie Günther Schneider-Siemssen vor mehr als 20 Jahren mit der bisher letzten Aachener Inszenierung hingezaubert hat: ein naiv bebildertes Märchen.

Regisseurin Ewa Teilmans aber schwebt für ihre neue Aachener Lesart keine Meerjungfrau mit Wallehaar und Fischschwanz vor. Auch die Bühne von Elisabeth Pedross sei „bewusst nicht naturalistisch“, sie zeige den Märchenwald „nur als Zitat“: Wasser, Laub, drei Bäume und schwarze Vorhänge.

Teilmans interessiert an der Geschichte der schmerzhaften Verwandlung einer Nixe in ein menschliches Wesen „das Zwischen-zwei-Welten-Stehen“. Das kenne sie auch von ihrer „Knastarbeit“ in der Aachener Justizvollzugsanstalt: Probleme der Abschiebung und die Frage: Wozu gehörst Du eigentlich?

So wird das Märchen in den Worten der Regisseurin zu einer Geschichte von Migration und Missbrauch — im weitesten Sinne. Nicht ohne Grund wurde Dvoráks Erfolgsoper auch schon mal ins Edel-Bordell oder den Keller des Inzest-Vaters Josef Fritzl verlegt. Aber keine Angst, so weit geht Teilmans nicht. Wer ihre bisherigen Aachener Inszenierungen von „Aida“ bis „Zauberflöte“ gesehen hat, der weiß: Die Oper wird sicherlich noch wiederzuerkennen sein!

Daher hat Linda Ballova ihren kleinen Schock längst überwunden. Sie finde es sogar einfacher, eine Frau von heute zu spielen als eine Nixe. Für sie ist Rusalka „ein Mädchen aus dem Ostblock — wie ich es bin“. Das Gefühl des Fremdseins mag noch als biografische Parallele naheliegen, doch Rusalkas trauriges Schicksal musste Linda Ballova nicht ertragen.

„Sie kommt in eine andere Welt — den Westen“, deutet die Sängerin das Märchen, „und dort trifft sie die falschen Leute . . .“ Eine brutale Story, die die Slowakin an den Actionthriller „96 Hours“ mit Liam Neeson erinnert, da werden zwei junge Mädchen von Menschenhändlern gekidnappt und zur Prostitution gezwungen. Passenderweise soll die Nixe in Aachen keinen Fischschwanz, sondern eine elektronische Fußfessel tragen.

„Fast wie Wagner“

Die Proben nehmen die Sängerin so mit, dass es manchmal schwer sei, die Tränen zurückzuhalten, sagt sie. Anders als Disneys „Arielle“ hält Linda Ballova Dvoráks „Rusalka“ auch kaum für Kinder geeignet. Die Regisseurin empfiehlt einen Besuch ab zwölf Jahren.

Doch nicht nur darstellerisch ist die Titelpartie sehr anspruchsvoll, sondern auch sängerisch. „Wirklich eine ergreifende, tolle Musik“, schwärmt Ewa Teilmans. Aber sie bietet Tücken. Die Sängerin der Rusalka muss lyrische Qualitäten mitbringen und dramatische Ausbrüche durchhalten. Dazu spielt ein „big“ Orchester. „Das ist fast wie Wagner“, findet Linda Ballova.

Doch bei der Probe des zweiten Aktes markiert sie nicht, sie singt voll aus, ohne sich zu schonen. Dass das Aachener Sinfonieorchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Kazem Abdullah diese Sängerin später im Theater überflutet, fürchtet man da eigentlich nicht.

Eine kleine Kostprobe ihres Könnens ist im Internet zu finden — auf Youtube: Da singt die Sopranistin den Hit der Oper, das weltbekannte „Lied an den Mond“. In Aachen wird Linda Ballova erstmals die ganze Partie auf der Bühne präsentieren. Bisher hat sie nach ihrer Opernausbildung in Bratislava vor allem in der Slowakei, Tschechien und Polen gesungen — etwa Jenufa, Nedda oder die Marie in Smetanas „Die verkaufte Braut“.

Nun also das Opern-Debüt in Deutschland. Von Schock oder Fremdheit ist auf der Probebühne allerdings gar nichts zu spüren. Linda Ballova scherzt, plaudert auf Englisch mit den Kollegen des internationalen Ensembles und nimmt hin und wieder einen Schluck aus dem Thermosbecher. Nein, sie schwöre nicht auf einen speziellen Zaubertrank für die Stimme, sie trinke nur grünen Tee mit Ingwer, sagt die Sängerin und lacht.

Aber woher nimmt die junge Frau, gerade mal 160 Zentimeter groß und sehr zierlich, diese Power? Wenn sie sich in den Fängen von Wassermann (Jacek Janiszewski) oder Hexe (Sanja Radisic mit Riesen-Absätzen) windet, wirkt Rusalka — zwei Köpfe kleiner als ihre „Bosse“ — erst recht bedroht. Na ja, sie trainiert ein bisschen, sagt die Sängerin. Mit Tai-Chi und Tango — ihr Freund gibt sogar Unterricht. Und die kleine Person scheint ein großes Selbstbewusstsein zu haben. „Die Rolle passt sehr gut zu meiner Stimme“, meint Linda Ballova. „Für mich ist das gar nicht so schwierig.“