Aachen: Opernstar Villazón über seine Vorfreude auf die Aachener Kurpark Classix

Aachen : Opernstar Villazón über seine Vorfreude auf die Aachener Kurpark Classix

Mit Rolando Villazón wird ein Opern-Weltstar die diesjährigen Aachener Kurpark-Classix am 31. August eröffnen. Seine Aufführung von „La Traviata“ mit Anna Netrebko 2005 in Salzburg ließ den gebürtigen Mexikaner buchstäblich über Nacht zu ungeahntem Ruhm kommen. Aber Villazón ist nicht nur ein ruhmreicher, sondern vor allem ein feinsinniger und auch vielinteressierter Mensch.

Ein Sänger wie er könnte den Routinier geben und mit dem landläufigen Opern-Repertoire für Entzückung sorgen. Als Musikneugieriger zieht er es aber vor, sein Publikum immer wieder mit Stücken zu überraschen, die man vielleicht nicht von ihm erwartet. In Aachen wird er zusammen mit der Sopranistin Louise Alder für musikalisches Glück sorgen, wie er im Interview mit Michael Loesl verspricht.

Herr Villazón, als Sie 1999 Ihr Europa-Debüt gaben, waren die Menschen noch neugierig aufeinander. Heute, rund 19 Jahre später, werden Ängste zwischen Menschen geschaffen und instrumentalisiert. Wie wichtig ist Ihre Kunst, der Operngesang, in angstbesetzen Zeiten?

Rolando Villazón:Ich mache mir extrem große Sorgen um diese Entwicklungen. Ich glaube überhaupt nicht an Mauern und finde die Angst, die vor den „Fremden“ geschürt wird, sehr gefährlich. In der Musik darf es keine Mauern und Grenzen geben, und auch keine Angst vor dem Anderen. Egal wer wir sind, woher wir kommen, wie wir aussehen, woran wir glauben — Musik ist eine universelle Sprache, in der für jeden Platz ist. Mir geht es immer darum, Brücken zu bauen. Brücken zu den Musikern, mit denen ich gemeinsam Musik mache, und natürlich Brücken zum Publikum. Es ist ein Miteinander, ein gemeinsames Erleben. Ich nutze meine Möglichkeiten dazu, meine Überzeugungen mit den Menschen zu teilen. Das ist mir sehr wichtig.

Bernstein, Lehár, Fauré, deren Kompositionen Sie in Aachen präsentieren werden, waren „Verrückte“, die der Kraft der Gemeinschaft, der Kraft der Liebe großen Platz in ihren jeweiligen Stücken einräumten. Wählen Sie Ihre Konzertprogramme auch als Gegengifte zum aktuellen Weltgeschehen aus?

Villazón: Kunst gibt uns die Möglichkeit, vor der Realität zu fliehen, aber auch, uns mit ihr auseinanderzusetzen. Im Idealfall passiert beides. Mit meinen Konzerten möchte ich dem Publikum ein Geschenk machen, ihnen einen Moment des Glücks schenken. Ich glaube, in unserem Aachener Programm ist viel Glück dabei.

Welche Kraft lässt Sie Jahr für Jahr Bühnen betreten, abgesehen vom Selbsterhaltungstrieb als erfolgreicher Sänger?

Villazón: Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und mit meinem Publikum diese unglaubliche Energie zu teilen. Das gibt mir Kraft. Und ich bin sehr neugierig — vielleicht werde ich sogar immer neugieriger, je älter ich werde. Es gibt so viel zu entdecken und auszuprobieren, das treibt mich an.

Mit zunehmendem Wissen ändern sich Perspektiven, Vorlieben. Haben sich Ihre musikalischen Vorlieben über die Jahre verändert? Verspüren Sie heute tatsächlich mehr den Drang danach auch unbekanntes, nicht oft gespieltes Repertoire zu entdecken?

Villazón Das Auf jeden Fall. Ich liebe es, neue Werke wir zum Beispiel „South Pole“ zu singen. Oder eine Oper wie „Pelléas et Mélisande“ zu erarbeiten. Oder einen Orfeo oder Ulisse. Das ist wunderbare musikalische Arbeit. Manche Rollen wie Rodolfo oder Alfredo habe ich über 100 Mal gesungen, da ist es einfach total aufregend, neue Dinge kennenzulernen. Man lernt auch sich selbst noch einmal ganz anders kennen.

Sie sind längst auch als Intendant und als Schriftsteller tätig. Welchen Stellenwert räumen Sie Ihrem eigentlichen Gesang in der Vielfalt Ihrer Tätigkeiten ein? Oder ergibt alles ein einziges Kontinuum in Ihren Augen?

Villazón: Ja, das mit dem Kontinuum stimmt schon. Eines befruchtet das andere. Natürlich gibt es Phasen, in denen ich mich mehr auf eines konzentrieren muss, auf ein Konzert oder einen Liederabend, oder ein Rollendebüt zum Beispiel. Oder auf eine Regiearbeit. Aber meistens versuche ich, meine verschiedenen Aktivitäten sich gegenseitig inspirieren zu lassen. Da ergeben sich manchmal tolle Verbindungen. Meine Liebe zu Mozart zum Beispiel findet auf jeder Ebene meines Lebens Platz — ich singe ihn, ich lese ihn, ich schreibe über ihn, ich plane die Mozartwoche. Da ist alles dabei.

„La Traviata“ machte Sie 2005 an der Seite von Anna Netrebko weltberühmt. Betrachten Sie Ihre Aufführung 2005 in Salzburg als Bürde, auf die man Sie seither festnagelt, oder war die für Sie ein Sprungbrett zur Erweiterung Ihrer Interessen?

Villazón: Absolut ein Sprungbrett. Ein wunderbarer, wichtiger Moment in meiner Karriere, den ich geliebt habe, und der mir unglaubliche Möglichkeiten gegeben hat. Keine Frage.

Wie ist es für Sie, neue Städte zu entdecken, wenn Sie sich auf Musikreise befinden? Sind Sie neugierig genug, um sich in der jeweiligen Stadt umzuschauen oder bleibt dazu keine Zeit?

Villazón: Ich bin ein Flaneur. Eine meiner liebsten Beschäftigungen ist es, Städte laufend zu erkunden, mich treiben zu lassen. Wenn ich auch nur ein bisschen Zeit habe, dann laufe ich los, sitze in Cafés, schaue und lese. Man entdeckt die wunderbarsten Dinge und Menschen dabei.

Sie leben heute bei Paris, im Herzen Europas. Sind Sie trotz des Brexit-Versuchs ein hoffnungsvoller Mensch geblieben?

Villazón: Ich kann schon sehr traurig werden angesichts der Weltlage, aber im Herzen bin ich ein Optimist und Kämpfer. Ich versuche, wo möglich Dinge zu bewegen. Auch wenn es nur ganz klein ist. Wenn man nur einem anderen Menschen ein wenig Glück geschenkt hat, dann ist das gar nicht so wenig.

Was sagen Sie als mexikanischer Landsmann zum Mauerbau-Plan der USA zwischen Mexiko und Nordamerika?

Villazón: Eine völlig idiotische und gefährliche Idee. Was derzeit in den USA passiert ist eine absolute Katastrophe. Der Großteil der Mexikaner, die in die USA kommen, arbeiten dort unglaublich hart in Jobs, die niemand sonst erledigen will. Sie sind ein essentieller Teil der amerikanischen Gesellschaft und Wirtschaft. Und die Idee, Menschen die auf der Flucht und auf der Suche nach einem besseren Leben sind, mit einer Mauer oder sonst wie abzuweisen und unmenschlich zu behandeln, befremdet mich sehr.

Waren Sie schon mal in Aachen?

Villazón: Noch nie, ich freue mich schon sehr auf das Aachener Publikum und die Stadt. Ich hoffe, wir werden gutes Wetter und gemeinsam gute Laune haben. Gute Musik bringe ich mit, versprochen!

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