Opernsänger John Tomlinson singt bei den Kurpark Classix Aachen

Weltweit gefragter Opernsänger : Sir John Tomlinson steht bei den Kurpark Classix auf der Bühne

Von Bayreuth bis Salzburg: Der Bassist Sir John Tomlinson ist weltweit gefragt. Am 30. August singt er beim Eröffnungskonzert „A Night at the Opera“ bei den Aachener Kurpark Classix.

Er gibt den dunklen Mächten Stimme und Gestalt, den schwerblütigen Vätern, herrischen Königen, grollenden Göttern oder listenreichen Finsterlingen. Selten sind Rollen wie der Ochs von Lerchenau im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss dabei, wo er witzig und lebenslustig sein darf. „Das ist mein Schicksal als Bass: Bei uns gibt es meistens kein Happy End mit einer hübschen Heldin“, sagt Sir John Tomlinson. Am 22. September feiert der britische Sänger seinen 73. Geburtstag, seit 50 Jahren steht er auf der Bühne – und ist noch immer unterwegs.

Zum Beispiel Richtung Aachen: Bei den Kurpark Classix wird er im Eröffnungskonzert „A Night at the Opera“ am 30. August die Solisten des Aachener Ensembles verstärken, obwohl er für Open-Air-Konzerte eher selten zusagt. „Für mich ist das eine Ausnahme, aber ich bin sehr gespannt.“ Aachens Generalmusikdirektor Christopher Ward konnte ihn zum Auftritt überreden. „Wir haben an der Berliner Staatsoper zusammen die Oper ,Babylon‘ von Jörg Widmann gemacht, da hat er mich gefragt“, erzählt Tomlinson. Christopher Ward erinnert sich nicht nur an diese Produktion, die im März Premiere feierte. „Ich habe Sir John schon vor 20 Jahren in London im Covent Garden erlebt. Ich schätze ihn sehr“, schwärmt der Orchesterchef. „Ein Bass von dieser Qualität ist weltweit selten.“

Der Abend wird „heldenhaft“

Und so passt das Motto des Konzertes im Aachener Kurpark perfekt: „Heldenhaft“ wird der Abend sein, bei dem Kompositionen von Richard Wagner, Aram Khachaturian und Giuseppe Verdi auf dem Programm stehen. „Tiefe Wärme und große Dramatik liegen in dieser Stimme“, betont Ward, der 2020 mit Tomlinson in Prag erneut zusammentrifft – dort steht Benjamin Brittens „Billy Budd“ auf dem Spielplan. Sir John singt die Rolle des hinterhältigen Schiffsoffiziers John Claggart. Am Samstag, 24. August, steht er ein letztes Mal in der Salzburger Felsenreitschule als Seher Tirésias in George Enescus Oper „Oedipe“ (musikalische Leitung: Ingo Metzmacher, Regie: Achim Freyer) auf der Bühne.

Das Talent des jungen John ist früh aufgefallen. Tomlinson stammt aus Accrington/Grafschaft Lancashire im Nordwesten Englands und versuchte sich zunächst im Studium des Bauingenieurwesens an der Manchester University, bevor er mit einem Stipendium an das Royal Manchester College of Music wechselte. „Das Singen als Beruf kam bei meinen Eltern nicht gut an, obwohl die Familie sehr musikalisch war“, erinnert er sich. „Singen kannst du für Gott“, hat der Vater einmal zu ihm gesagt. Als dann die Profisänger-Karriere anlief, waren alle doch sehr stolz auf ihn.

Die für Aachen ausgewählten Bass-Arien erinnern Tomlinson unter anderem an seine glanzvollen Bayreuth-Jahre, wo er in der Zeit von 1988 bis 2006 zum Kernensemble gehörte. „Die Debüt-Partie des Wotan in der ,Walküre‘ war für mich ein Wendepunkt“, betont der Sänger, der mit Dirigenten wie Daniel Barenboim, James Levine und vielen anderen arbeiten konnte. In zwei Ring-Produktionen hat er in Bayreuth gesungen, zunächst bei Regisseur Harry Kupfer, danach bei Alfred Kirchner.

Wie er Wolfgang Wagner erlebt hat? „Er war der beste Intendant aller Zeiten, war für alle da, sorgte für eine gute Atmosphäre. Ein wahrhaft treuer Mensch“, betont der Sänger. Der einäugige Wotan, der in Großaufnahme Tomlinsons Homepage beherrscht, ist ihm ans Herz gewachsen. „Jedes seiner Worte ist wichtig, Richard Wagner zeichnet die Gestalt in all ihrer Intelligenz, Energie bis hin zur Depression. Das ist großartig“, sagt der Bass, der zugleich meint: „In meinem Alter möchte ich so eine Partie, bei der man sechs Stunden auf der Bühne steht und lange Proben durchläuft, aber nicht mehr übernehmen.“

Das Aachener Konzert wird er mit der berührenden Wotan-Arie „Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind“ aus der „Walküre“ abschließen, zuvor wird er dem Hohepriester Zaccaria aus Verdis „Nabucco“ seine Stimme geben und König Heinrich aus Wagners „Lohengrin“ beten lassen: „Mein Herr und Gott, nun ruf ich dich“.

Bevor der Sänger wieder auf Reisen geht, will er sich daheim auf dem Land in Glynborne erholen. „Wir bewohnen ein Regency-Haus von 1823, das ist wunderschön. Und ich habe noch meinen alten Mercedes, Baujahr 1984, mit dem ich früher nach Bayreuth, Dresden und Berlin gefahren bin“, erzählt er begeistert. Ehefrau, drei Kinder, zwei Enkel – das gibt ihm Rückhalt. Wandern in den Hügeln und ein wenig Gartenarbeit halten ihn fit. „Ich bin meiner Familie sehr dankbar, dass sie dieses Leben ausgehalten hat“, sagt er.

1997 wurde der Bass mit dem Orden des „Commander of the British Empire“ ausgezeichnet, 2005 von Queen Elizabeth zum Ritter geschlagen – seitdem ist er Sir John und sehr glücklich darüber. Am Royal Manchester College of Music gibt er nun in Meisterklassen und Workshops weiter, was er an Opernhäusern wie der Metropolitan Opera in New York, der Mailänder Scala, Städten wie Berlin, München, Dresden, Genf, Paris und nicht zuletzt auf dem Grünen Hügel in Bayreuth gelernt hat. Vor allem dies: „Singen hat mit Identität zu tun.“

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