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Aachen: Omas Treppensturz kann ein Mord sein

Aachen : Omas Treppensturz kann ein Mord sein

„Gelegenheit macht Diebe”, formuliert der meist kluge Volksmund. In Deutschland könnte es genau so gut heißen: Gelegenheit macht Mörder! Denn im Land der Teutonen scheint Düsteres vor sich zu gehen, folgt man dem arrivierten Kölner Rechtsmediziner Prof. Markus A. Rothschild.

Beinahe ein Eldorado für Mordgesellen und Gelegenheitstotschläger werde das Land, weil bei den Leichenschauen den „normalen” Ärzten wesentlich zu viele Fälle „nicht natürlichen Todes”, wie die Rubrik für Tötungen heißt, durchflutschen. So jedenfalls berichtete der Medizinprofessor am Dienstag auf Einladung der Aachener Staatsanwaltschaft über erschreckende Prozentzahlen unentdeckter Kapitalverbrechen.

Den Sprengstoff sieht Rothschild in der Leichenschau. „Sechs Prozent aller Krankenhausärzte”, klagte er, kreuzen beispielsweise automatisch die Diagnose „natürlicher Tod” an, ob die Kollegen das genau wissen oder nicht.

Dabei kommt dem Kreuzchen auf dem Totenschein eine immense Bedeutung zu, entscheidet es doch innerhalb von Sekunden, ob Polizei und Staatsanwaltschaften ermitteln werden. Und es entscheidet letztlich, ob die Leiche auf den kalten Tisch zweier Obduzenten kommt, die zielsicher die Spuren des Mörders entdecken wie in der Fernseh-Serie „Medical Detectives” etwa.

„In Deutschland werden jährlich 1200 Tötungsdelikte übersehen”, nennt der fachlich hochangesehene Obduzent, der häufig auch in Verfahren des Aachener Schwurgerichts seine Gutachten stellt, eine schier unglaubliche Zahl. Sie stütze sich auf das Material einer Studie der Münsteraner Kollegen, hieß es. Die Kollegen Praktiker würden oftmals den wahren Grund für Omas tödlichen Treppensturz nicht aufdecken können, aus Mangel an Fachwissen. Und schockt weiter: „40 bis 60 Prozent der festgestellten Todesursachen sind falsch.”

Die Region Köln/Aachen kommt bei alledem ganz gut weg, weil die Zahl der unentdeckten unnatürlichen Todesfälle aufgrund hoher Obduktionszahlen nicht so dramatisch sei - das zeugt von einem hohen Problembewusstsein der hiesigen Behörden. Leider würden auch Kindestötungen oft erst im Nachhinein entdeckt, ergänzte der für Kapitalverbrechen verantwortliche Oberstaatsanwalt Albert Balke.

Rothschild will der Malaise mittels einer Rechtsänderung beikommen, was am Dienstag der leitende Oberstaatsanwalt Axel Vedder durchaus mittrug. Danach sollen die Leichen direkt vor Ort von Amtsärzten geöffnet werden können. Das würde die Zahl der Obduktionen steigern - und damit das Entdeckungsrisiko für Gewalttäter beträchtlich erhöhen.

Für Leiter Axel Vedder gab es trotz statistischer Rückgänge keinen Grund zum Jubel in der Region - beachtlich waren um 16,5 Prozent weniger Betäubungsmitteldelikte im Jahr 2006.

Die allgemeinen Fallzahlen gingen leicht um 1,3 Prozent zurück. 70.000 Verfahren wurden gegen ermittelte Täter eröffnet, 50.000 Verfahren richteten sich „gegen unbekannt”. Zufrieden äußerten sich die Staatsanwälte über die seit November 2006 laufende konzertierte Aktion der Justiz- und Ermittlungsbehörden gegen jugendliche Intensivtäter.

„Fünf Prozent der straffälligen Jugendlichen sind für 50 Prozent der Taten verantwortlich”, bekräftige Vedder das stramme Vorgehen besonders gegen die Rädelsführer der 14- bis 20-Jährigen, die oftmals in Gruppen durch die Städte marodieren.

Kinderpornos: LKA zu langsam mit Gutachten

Die Aachener Staatsanwälte hadern mit dem Düsseldorfer Landeskriminalamt (LKA). Nicht nur bei DNA- oder Betäubungsmittelgutachten sei die Landespolizeibehörde zu langsam. Besonders bei der Entschlüsselung von Dateien, in denen auf beschlagnahmten Rechnern Kinderpornografie vermutet wird, ließen die Ergebnisse für alle Seiten unzumutbar lange auf sich warten.

Daher, so erklärte Oberstaatsanwalt Albert Balke, gehe man jetzt dazu über, die für Ermittlungen dringend notwendigen Gutachten an externe Experten zu übergeben.

Im letzten Jahr wurden etwa 290 Verfahren wegen des Verdachts auf Kinderpornografie eröffnet, Balke: „Die meisten gehen mit einem Strafbefehl über Freiheitsstrafen mit bis zu zwei Jahren zu Ende.”