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Hamburg/Köln: OLG Hamburg hebt Urteile gegen Contergan-Film weitgehend auf

Hamburg/Köln : OLG Hamburg hebt Urteile gegen Contergan-Film weitgehend auf

Im Rechtsstreit um einen Fernseh-Zweiteiler über den Contergan-Skandal hat das Hamburger Oberlandesgericht (OLG) vier Urteile gegen die Ausstrahlung des Spielfilms am Dienstag größtenteils aufgehoben.

Trotz dieses Erfolges können der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und die Produktionsfirma Zeitsprung den Film in seiner jetzigen Fassung weiterhin nicht senden, weil noch nicht alle juristischen Hürden genommen sind. So hatte der klagende Contergan-Hersteller Grünenthal unabhängig von dem Berufungsverfahren vor dem OLG Mitte März am Hamburger Landgericht zwei weitere einstweilige Verfügungen gegen den Film erwirkt, über die noch nicht verhandelt worden ist.

WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf äußerte sich erfreut darüber, dass das Gericht „den Weg für diesen wichtigen Film wieder weitgehend frei” gemacht habe: „Nun ist es auch in Zukunft möglich, zeithistorische Stoffe künstlerisch aufzuarbeiten”, sagte er.

Die Kölner Produktionsfirma Zeitsprung zeigte sich optimistisch: „Wir gehen fest davon aus, dass wir den Film in diesem Jahr noch zeigen können”, sagte Justiziar Mirek Nitsch. Zeitsprung-Geschäftsführer und Produzent Michael Souvignier sagte: „Damit zeigt sich, was wir immer gesagt haben: Unser Film ist im Kern historisch korrekt.” Der Deutsche Kulturrat sprach von einem „ersten Teilerfolg für die Kunstfreiheit”.

Die Vorsitzende Richterin machte aber deutlich, dass sich in dem Konflikt auch die Gegenseite teilweise durchgesetzt habe. So sah sich auch die Grünenthal GmbH durch die Urteile und die Einschätzung der Richterin bestätigt. „Es ist uns durch unser juristisches Vorgehen bereits gelungen, mehrere unwahre Schlüsselszenen zu korrigieren oder herausnehmen zu lassen”, erklärte Geschäftsführer Sebastian Wirtz. Angesichts noch weiterer anhängiger Gerichtsverfahren sei Grünenthal bereit, sich mit den Filmemachern an den Verhandlungstisch zu setzen.

Der Film „Eine einzige Tablette” thematisiert die Affäre um das Schlafmittel Contergan, nach dessen Einnahme tausende Frauen Ende der 50er Jahre missgebildete Kinder geboren hatten. Die Aachener Firma Grünenthal und ein betroffener Anwalt, an dessen Lebensgeschichte sich der Film anlehnt, klagten im vergangenen Sommer gegen die Ausstrahlung. Sie sahen in mehr als einem Dutzend Passagen des Drehbuchs eine Verdrehung der historischen Tatsachen und eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte.

Das Hamburger Landgericht folgte auf der Grundlage des Drehbuchs ihrer Auffassung und untersagte die Ausstrahlung des Films per einstweiliger Verfügung. Das OLG änderte diese Urteile nach Ansicht des Films nun in großen Teilen. In dem fertigen Film waren einige Szenen des ursprünglichen Drehbuchs gestrichen oder verändert worden. „Insofern hat sich die Firma Grünenthal in größerem Umfang durchgesetzt, als dies nunmehr den Anschein hat”, sagte die Richterin. Auch der klagende Anwalt habe im Ergebnis zum Teil obsiegt, obwohl das OLG das Verbot des Landgerichts in seinem Falle ganz aufhob.

Gegen die Urteile des OLG können nach Angaben des Gerichts keine Rechtsmittel eingelegt werden. Trotzdem hält Grünenthal nach eigenen Angaben einen Antrag beim Bundesverfassungsgericht zur Überprüfung der OLG-Urteile für denkbar. Das OLG wertete den Film des renommierten Regisseurs Adolf Winkelmann ( „Jede Menge Kohle”, „Die Abfahrer” ) als Kunstwerk. Ein Verbot von Szenen sei daher nur bei einer schwerwiegenden Verletzung von Persönlichkeitsrechten angebracht.

Verboten wurden demnach noch Passagen, in denen Grünenthal „infame und skrupellose Methoden” in der damaligen Auseinandersetzung um das Schlafmittel Contergan unterstellt werden.