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Bonn: „Oberst Chabert“ in der Bonner Oper ist ein großer Genuss

Bonn : „Oberst Chabert“ in der Bonner Oper ist ein großer Genuss

Was Neugier und Risikobereitschaft angeht, gehört der Bonner Oper mit ihrem außergewöhnlichen Spielplan in der ausgehenden Spielzeit unter allen rheinischen Opernhäusern das größte Lob. Schoecks „Penthesilea“, Glass‘ „Echnaton“ und Verdis „I due Foscari“ konnten sich hier in den letzten Monaten als hochwertige Raritäten in glänzenden Produktionen präsentieren.

Gekrönt wird der Reigen zum Abschluss der Saison mit Hermann Wolfgang von Waltershausens völlig vergessener Musiktragödie „Oberst Chabert“, deren Wiederbelebung einer Sensation nahekommt.

Waltershausen (1882-1954) hat sich als Lehrer, Theoretiker und Komponist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in München einen Namen machen können und gehört zu den wenigen Musikern, die während der NS-Zeit in Deutschland geblieben sind, ohne sich ideologisch verbiegen zu lassen.

Als Komponist geriet er nach seinem Tod in nahezu völlige Vergessenheit. Sehr zu Unrecht, wie sein „Oberst Chabert“ nach einer Erzählung von Honoré de Balzac zeigt. 1912 in Frankfurt/Main uraufgeführt, ist das 100-minütige Werk von der gleichen expressiven Glut und klanglichen Farbigkeit erfüllt wie Richard Strauss‘ „Salome“ oder die besten Werke Schrekers oder Zemlinskys.

Und das von Waltershausen zwei Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkriegs geschaffene Libretto entpuppt sich als eine Heimkehrertragödie, die in ihrer Eindringlichkeit auch heute noch unter die Haut geht. Die Handlung kreist um den in den napoleonischen Kriegen gefeierten Kriegshelden Oberst Chabert, der in der letzten Schlacht als gefallen erklärt wird. Der überlebt jedoch in einem Massengrab. Niemand glaubt dem abgerissenen Menschen, der Kriegsheld zu sein, der Napoleon zu einem entscheidenden Sieg verholfen hat.

Verlorener Titelheld im Mittelpunkt

Waltershausen stellt die Verlorenheit des Titelhelden in den Mittelpunkt und geht dabei mit der widersprüchlich und ursprünglich egoistisch handelnden Rosine milder um als Balzac. Gleichwohl charakterisiert Waltershausen alle sechs Figuren des kleinen aber feinen Ensembles messerscharf.

Und die musikalische und dramaturgische Präzision des Stücks setzt Jacques Lacombe am Pult des hervorragend aufgestellten Bonner Beethovenorchesters perfekt um. Die Musik glüht permanent, aber nicht vor dynamischem Überdruck oder atemloser Hektik, sondern aus einer extrem differenzierten Behandlung der wechselnden Tempi und der dynamischen Schattierungen heraus.

Regisseur Roland Schwab hat sich dem Werk bereits 2010 in einer abgespeckten, halbszenischen Produktion in Berlin gewidmet. Jetzt konnte er es zusammen mit dem Bühnenbildner David Hohmann zum ersten Mal in voller Pracht zur Aufführung bringen. Geschickte Video-Einblendungen vergrößern den optischen Eindruck. Am Ende gibt es großen Applaus für eine der interessantesten Wiederentdeckungen der letzten Jahre.

Die nächsten Aufführungen im Bonner Opernhaus: am 5. und 13. Juli. Kartentelefon: 0228/778008.