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Aachen: „norway.today“ im Mörgens: Ein junges Paar vor dem Abgrund

Aachen : „norway.today“ im Mörgens: Ein junges Paar vor dem Abgrund

Ein 24-jähriger Norweger sucht per Internet jemanden für den gemeinsamen Freitod. Einige Tage später springt er mit einer jungen Frau aus Österreich vom Preikestolen-Felsen in Norwegen in den 600 Meter tiefen Abgrund.

Das ist die wahre Begebenheit, die Igor Bauersimas Stück „norway.today“ aufgreift. Im Theater bleibt dem Paar das schreckliche Ende allerdings erspart.

Mit dem Stück, das vor zwölf Jahren im Mörgens zu sehen war, hatte der 1944 in Prag geborene und in der Schweiz aufgewachsene Bauersima seinen Durchbruch. Im Titel des Stücks klingt ein „no way“ an, eine Ausweglosigkeit, die die beiden Protagonisten zuweilen fast genüsslich zelebrieren. Regisseur Mazdak Tavassoli platziert Nele Swanton (mit blaugrünem Haar) und Felix Strüven in ein Setting, das der Kargheit Norwegens entspricht. Sarah Jung hat dafür einen schwarz-weißen, geometrischen Bau entworfen, der auf Dreiecken beruht. Das passt ausgezeichnet zu Jugendlichen, die nach einem Halt suchen in einer Welt, die für sie keine Überraschungen mehr bereitzuhalten scheint.

Überraschend witzig, oft auch tiefschürfend und hintergründig sind die Dialoge, die Julie und August miteinander führen. Im Internet lernen sie sich kennen, wobei die kesse Julie den Ton angibt. Der eher schüchterne August scheint ihr nicht gewachsen. Will man wirklich gemeinsam in den Tod gehen, oder ist es doch nur ein gefährliches Spiel zwischen zwei jungen Leuten, die alles satt haben?

Frech und sehr beredt gewinnt Julie schnell die Oberhand über den scheuen „Gefährten“, doch bald zeigt auch der seine Qualitäten. Die Rollen werden getauscht: August ist mutig und gibt Julie Kraft. Julie gibt zu, dass ihr „Vortrag“, sie habe alles schon gehabt und gesehen, glatt gelogen war. Die zarte, vorsichtige Annäherung der beiden mündet in eine kinoreife Liebesszene. Kitsch auf nordischem Felsen? Keineswegs, denn die beiden deklinieren sogar durch, wie der geplante Absturz vonstattengehen würde. Ein 600 Meter hoher Felsen, ein Sturz mit 190 bis 250 Stundenkilometern, also zehn Sekunden Fallzeit. Am Rande des Abgrunds melden sich wieder die Lebensgeister, von Regisseur Tavassoli feinfühlig und schön heraufbeschworen.

Starker, lang anhaltender Applaus vom Publikum.