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Aachen: „Norma“: Bellinis Oper ist ein Fest für schöne Stimmen

Aachen : „Norma“: Bellinis Oper ist ein Fest für schöne Stimmen

Nicht im Graben, sondern auf der Bühne des Aachener Theaters wird Justus Thorau bei der nächsten Premiere am Pult des Sinfonieorchesters den Taktstock fliegen lassen. In den Vordergrund spielen möchte sich der Erste Kapellmeister aber nicht. Im Gegenteil: Den Sängern will der 28-Jährige den Teppich ausrollen.

Vincenzo Bellinis Belcanto-Knüller „Norma“ gilt ja auch als Fest für schöne Stimmen. Wegen der Zusatzvorstellungen der „West Side Story“ wurde Händels „Orlando“ auf die nächste Saison verschoben und „Norma“ relativ kurzfristig als Ersatz für die Opernfreunde angesetzt — allerdings nur konzertant. Warum das kein Nachteil sein muss, erklärt Thorau unserer Redakteurin Jenny Schmetz.

Für Fans des Musiktheaters ist eine konzertante Aufführung eher unbefriedigend, und Stimmfetischisten legen lieber eine CD ein. Warum sollten sie dennoch zur „Norma“ ins Aachener Theater kommen?

Justus Thorau: „Norma“ eignet sich sehr gut für eine konzertante Aufführung, weil die Handlung relativ überschaubar ist (lacht): eine Liebesgeschichte mit zwei Damen und einem Mann, die dramaturgisch meiner Meinung nach nicht so viel hergibt, dass man sie unbedingt inszenieren müsste.

„Norma“-Inszenierungen sind ja oft eher Konzerte im Kostüm . . .

Thorau: Genau! Und die Musik ist einfach wahnsinnig schön. Jeder, der Sängern gerne zuhört, wird hier belohnt mit wunderbaren Melodien, nicht nur der bekannten „Casta Diva“-Arie. Vielleicht bietet die konzertante Aufführung den Musiktheaterfans ja eine neue Art, die Oper zu entdecken. Das Publikum kann sich eben nur auf die Musik konzentrieren — das ist ja auch das Tolle für uns Musiker!

Sie dirigieren „Norma“ zum ersten Mal. Wo sind für Sie die Klippen?

Thorau: Es ist ein schwieriges Stück, nicht etwa, weil die Noten besonders schwer zu spielen sind. Das Orchester agiert nicht als großer Wagner-Apparat, sondern es muss eine Leichtigkeit erzeugen. Da muss jede Note sprechen! Allerdings hört man bei dieser Musik dann jeden Ton, bei dem Sänger und Musiker nicht zusammen sind. Das ist das Schwierigste: die Sänger zu begleiten, ihnen einen bequemen Teppich auszurollen.

Tja, „Norma“ ist keine Oper, die sich für die Selbstdarstellung des Dirigenten eignet. Alles richtet sich nach den Gesangslinien. Können Sie damit leben?

Thorau: Ja, klar! Ich muss aber schon zugeben: Für Dirigenten ist italienische Musik meistens sehr undankbar. (lacht) Am besten ist der Dirigent, wenn er nicht auffällt — wie der Schiedsrichter beim Fußball.

Dann lassen Sie uns über die Sänger sprechen. Sogar Wagner hat „Norma“ ja gelobt: Es muss sich nur die richtige Sängerin hinstellen, und es reißt mit. Haben Sie die richtige?

Thorau: Ja, wir haben Irina Popova! Sie singt die Norma zum ersten Mal. Aber italienische Musik liegt ihr ganz besonders.

Jeder Norma-Sängerin droht der Schatten von Maria Callas. Was ist das Besondere der Interpretation von Irina Popova?

Thorau: Sie ist einfach ein Typ! Man kann sie nicht mit der Callas vergleichen, sie findet ihre ganz eigene Interpretation — auch mit schönen Piani in der Höhe. Dabei muss man betonen: Irina Popova hatte kurz vorher erst die „Jenufa“-Premiere, und die Küsterin ist auch eine Riesen-Partie, die stimmlich ganz anders liegt als die Norma. Das ist ein wahnsinniger Spagat. Aber ergreifend und mitreißend ist Irina Popova immer! Es kommt alles aus der Emotion. Da braucht sie gar keine Inszenierung, da reicht die Musik wirklich vollkommen.